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Katzen – Was ist dran am Mythos?
Wieso
schreibt der alte Tom jetzt was über Katzen? Vielleicht deshalb, weil
er in den letzten Jahren, seit er selber welche hat, vieles gelernt hat
und darüber seine Haltung zu diesen Tieren geändert hat. Ganz bestimmt
aber deshalb, weil ihm aufgefallen ist, wie andere Menschen über Katzen
denken und er, da er völlig anders denkt, seinen Senf nicht für sich
behalten kann. Früher,
als Junge, da war ich gemein zu Katzen. Ich konnte sie nicht leiden und
habe sie immer verjagt, getreten und manchmal auch gequält. Als junger
Mann sah ich dann zwar von gewaltsamen Übergriffen auf Katzen ab, doch
meine Antipathie blieb bestehen. Ich lernte Anja kennen, eine große
Tierfreundin. An keinem Tier kann sie vorbei gehen, ohne nicht
wenigstens ein paar Schnalzlaute von sich zu geben. Ihre Tierliebe und
meine Gewissheit, dass diese Tiere sie glücklich machen, sind verantwortlich
dafür, dass wir heute zwei Katzen haben. Die vergangenen vier Jahre als
Katzenbesitzer haben meine Ansichten über Katzen geändert. Besonders
den Kater habe ich richtig lieb gewonnen. Während ich an mir selbst
beobachtete, wie sich meine Einstellung zu Katzen änderte, beobachtete
ich gleichzeitig, wie andere Menschen sich den Katzen gegenüber
verhielten. Insbesondere stelle ich immer wieder fest, wie manche Leute
Katzen regelrecht vergöttern und glorifizieren, ihnen in ihrer
Bewunderung Eigenschaften nachsagen, die sie als richtige Überwesen
erscheinen lassen. Das finde ich ausgesprochen faszinierend, sind diese
Personen doch das genaue Gegenteil von dem, was ich einst war. Die
Beobachtung unserer eigenen Katzen und auch vieler anderer Katzen
außerhalb unserer Wohnung, auf die ich jetzt viel interessierter achte
als damals, gibt mir allerdings Grund zu der Ansicht, dass auch jene „Katzenvergötterer“
völlig so falsch liegen wie ich in jungen Jahren. Dass einige ihrer
übertriebenen Ansichten auch unter weniger fanatischen Menschen zur
allgemeingültigen Auffassung geworden sind, gibt letzten Endes den
Ausschlag dafür, dass ich es für nötig halte, hier einige alte Zöpfe
abzuschneiden.
„Katzen
sind stolze und edle Tiere“
Wenn
ich inzwischen eines gelernt habe, dann dass Katzen auch nur ganz
normale Tiere sind, die nichts anderes tun als so zu funktionieren, wie
es ihrem Stand der Evolution entspricht. Dass uns ihre Körperhaltung
bisweilen anmutig erscheint, oder dass wir in ihrer Unfähigkeit, sich
einem Rudel und damit „Ranghöheren“ unterzuordnen eine Art
Unbeugsamkeit und Gleichmut vor Autorität sehen, liegt allein daran,
dass wir allzu oft allzu viel menschliche Eigenschaften in das Verhalten
unserer kleinen Samtpfoten hineininterpretieren und dabei Dinge sehen,
die gar nicht da sind.
„Katzen
machen nur das, was sie wollen“
Richtig
müsste es heißen: Katzen machen nur das, was sie können. Was damit
gemeint ist, wird nachfolgend klar.
„Ihr
Geschick und Zielsicherheit beim Jagen sind unübertroffen“
Die
Natur hat die Katze technisch raffiniert ausgestattet. Der Körper ist
geschmeidig, wendig, aber doch muskulös und kraftvoll. Das Gebiss ist,
wie es sich für ein Raubtier gehört, für den effektiven Tötungsbiss
geschaffen. Zusätzlich sind Katzen mit ein- und ausfahrbaren,
nadelspitzen Krallen bewehrt, und das an allen vier Tatzen. So
ausgestattet bedarf es keines übermäßigen Geschicks, um bei der Jagd
erfolgreich zu sein. Die Taktik der Katze ist: Anschleichen, springen
und draufschlagen. Das Draufschlagen erfolgt jedoch mit mehreren Hieben
und ziemlich unkoordiniert, ganz ähnlich einem Schützen, der mit einer
abgesägten Schrotflinte die Mitte einer Scheibe treffen soll. Es macht
einmal Bumm! und der Schütze kann sagen: Ich habe gleich alles
getroffen – die Mitte war auch dabei. Man sieht das schön, wenn man
Katzen eine Spielmaus am Seil vorhält. Die Katze wedelt dann, die
Krallen ausgefahren, solange mit beiden Vordertatzen durch die Luft, bis
sie die Maus trifft und ihre Krallen sich in ihr verhaken.
Zielsicherheit sieht anders aus. Hunde zum Beispiel können Gegenstände
wie Bälle oder Scheiben im Sprung aus der Luft fangen. Eine Katze ist
dazu nicht fähig.
„Katzen
sind hochintelligent“
Beim
Begriff hochintelligent fallen mir Namen wie Albert Einstein oder
Stephen Hawking ein. Solche Menschen sind hochintelligent. Wir sind uns
sicher einig, dass es noch keinem Tier gelungen ist, die
Relativitätstheorie nachzuvollziehen oder Ansätze zum Verständnis von
Schwarzen Löchern zu entwickeln, von daher wollen wir doch bitte die
Kirche im Dorf lassen. Katzen sind von Natur aus Einzelgänger. Sie
brauchen also nicht auf das Sozialverhalten von Rudelgenossen
einzugehen, außerdem sind sie technisch perfekt für die Jagd
ausgestattet, womit einfache Attacken sie fast immer zum Jagderfolg
führen. Sie müssen also keine Strategien entwickeln, wie man es bei
Wolfsrudeln beobachtet hat. Aus diesen Gründen wird das Gehirn der
Katze nicht über ein bestimmtes Maß hinaus beansprucht, wodurch eben
für das Gehirn keine Notwendigkeit besteht, sich weiter zu entwickeln.
Es sieht vielmehr so aus, dass Katzen zwar intelligenter sind als
Kaninchen, jedoch weit hinter den Verstandesleistungen von Hunden
zurückbleiben.
„Eine
Katze lässt sich nicht erziehen“
Gewiss,
es ist eine Aufgabe, die Engelsgeduld erfordert. Trotzdem: Katzen
können, freilich nur innerhalb ihrer beschränkten Fähigkeiten,
lernen! Beharrlichkeit und Häufigkeit der Lektionen bestimmen den
Erfolg der Dressur. So hat unser Spike, ein Knuddelbär von einem Kater,
zum einen gelernt, dass er nicht auf den Küchentisch springen darf, zum
anderen weiß er genau, wann er vom Klodeckel runter muss, nämlich
genau dann, wenn ich „Schub“ sage. Es hat lange gedauert, aber der
Erfolg gibt mir Recht. Es ist also nicht so, dass Katzen nicht wollen
und sich bewusst gegen die Dressur wehren, wie Katzenfanatiker es immer
behaupten, sondern so, dass Katzen eben nur über eine sehr geringe
Lernfähigkeit verfügen.
„Eine
Katze erzieht sich ihren Menschen“
Nun,
es mag Menschen geben, die sich bereitwillig ihrer Katze unterordnen und
sich den Vorlieben und Verhaltensweisen des Stubentigers anpassen, doch
ist dies kein aktiv von der Katze geplanter und durchgeführter Vorgang.
Die Katze tut ja nichts weiter als ihrem Instinkt zu folgen und einfach
eine Katze zu sein, hat also keineswegs die Absicht, ihr Herrchen oder
Frauchen nach ihrem Willen zu formen.
„Eine
Katze spürt, ob jemand sie mag oder nicht“
Klar,
Streicheleinheiten wird sie wohl noch von Fußtritten unterscheiden
können. Sie hat jedoch ganz sicher keine Antennen für die
Gefühlsregungen eines Menschen ihr gegenüber. Warum begeben sich
Katzen wohl so gerne in die Nähe von gerade den Menschen, die keine
Katzen mögen? Weil Katzenhasser sich ruhig und abweisend verhalten,
wenn eine Katze ins Zimmer kommt, anstatt sofort in Ah und Oh
auszubrechen und Miezmiezmiez zu rufen. Er wird sie auch nicht direkt
ansehen, sondern sich desinteressiert zeigen. Bestenfalls sieht er sie
in seiner Abneigung aus messerscharf geschlossenen Augenschlitzen an.
Dabei weiß meist niemand, dass genau diese Körpersprache, die der
Katzenhasser zeigt, unter Katzen Wohlwollen und Freundlichkeit
ausdrückt. Die Katzenfreunde hingegen, die lautstark um ihre Zuneigung
buhlen, sind den ruheliebenden Tieren zumeist unangenehm. Folglich wird
die Katze mit hoher Wahrscheinlichkeit in der Nähe des Katzenhassers
Platz nehmen.
„Wohnungshaltung
ist bei Katzen Tierquälerei“
Das
ist ganz großer Blödsinn, in die Welt gesetzt von fanatischen
selbsternannten Tierschützern, deren Unwissenheit nur noch von ihrer
Ignoranz übertroffen wird. Ganz im Gegenteil: Katzen, die es nicht
anders kennen, vermissen den Freigang auch nicht. Viele Rassekatzen sind
von vornherein Wohnungskatzen, und keine von denen quält sich deswegen.
„Eine
Katze jagt nur, wenn sie Hunger hat“
Falsch.
Der Jagdtrieb ist einer der stärksten Instinkte einer Katze, wenn nicht
sogar der stärkste. Ein Rascheln im Gras, ein Kratzen mit der Hand
hinter dem Sofakissen, und sofort ist auch die dösigste Katze hellwach.
Sehr häufig sieht man Katzen, die ein Tier fangen und es solange
traktieren und damit spielen, bis es tot ist. Danach verlieren diese
Katzen das Interesse und trollen sich. Tatsächlich sind Katzen meines
Wissens die einzigen Lebewesen neben dem Menschen, die aus reinem
Vergnügen töten, und das kann sie bisweilen schon einigermaßen
unsympathisch erscheinen lassen.
„Eine
Katze fängt nur kranke Vögel“
Lieblingsargument
derjenigen, die zu ignorant und verblendet sind, um die Wahrheit zu
sehen. Katzen sind effiziente Raubtiere, deren körperliche Fähigkeiten
sie jederzeit in die Lage versetzen, gesunde Vögel und Kleinsäuger zu
fangen. Dies ist ja auch schon tausendfach beobachtet worden, bedarf
also gar keiner Beweisführung mehr. Der Tötungsdrang lässt
freilaufende Katzen außerdem jede erreichbare Vogelbrut vernichten.
Katzen sind niedlich, aber man sollte nie vergessen, dass sie im Grunde
Raubtiere sind.
„Es
ist der ganz normale Lauf der Natur, wenn eine Katze Vögel und Mäuse
fängt“ Im
Grunde stimmt das. Doch leider handelt es sich bei freilaufenden
Hauskatzen um künstlich vom Menschen in ein Ökosystem eingebrachte
Raubtiere. Damit wird ein Ungleichgewicht erzeugt. Es ist tatsächlich
so, dass freilaufende Hauskatzen großen Schaden in Wald und Feld
anrichten, indem sie Kleinsäuger und Vögel stark dezimieren. In einer
Garage in meiner Nachbarschaft brütete jahrelang regelmäßig ein
Pärchen seltener Rotschwänze. Seitdem eine Katze dort herumstreunt,
bringt dieses Vogelpaar keine einzige Brut mehr durch, weil die Katze jedes Mal
die Küken tot beißt, sobald welche ausgeschlüpft sind.
„Katzen
entfernen sich nie weit von ihren Häusern“
Falsch.
Der Aktionsradius freilaufender Katzen liegt nachgewiesenermaßen bei
mindestens zwei Kilometern um ihr Zuhause.
„Jemand,
der so über Katzen spricht wie du, kann seine Katze nicht gern haben“
Warum?
Weil ich nicht ausflippe, wenn sie den Raum bestritt? Weil ich mich
nicht anhöre, als hätte ich den Verstand verloren, wenn ich mir ihr
rede? Weil ich mich gerne wortlos auf der Couch niederlasse, ohne groß
auf den Kater einzugehen? Wer weiß, vielleicht passe ich genau deshalb
viel besser zu meinem Kater als ihr zu euren Katzen. |
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