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Der Alex und ich
– Die weltbesten Luftzischenlasser
Episode 10: Was machen wir mit
Ossett?
Der Winter verstrich und es wurde wieder Frühling. Wie gern hatte ich diese Zeit! Es bereitete mir immer große Freude, auf dem Heimweg von der Schule an den Gärten der Wohnhäuser stehen zu bleiben und die Schneeglöckchen und Krokusse zu betrachten, die zwischen den letzten zerfetzten Schneeflächen hervorkamen.
Die ersten warmen Sonnentage Ende April verursachten bei Alex und mir äußerst gute Laune und unbändigen Tatendrang. Soeben war die Schule aus und wir gingen gemütlich nach Hause. Wir nahmen es nie so genau mit dem „zügigen nach-Hause-gehen“, zum Leidwesen unserer Mütter. Sie nannten unsere Fortbewegung „trödeln“ und „trendeln“. Alex und ich nannten es "söbeln".
Auf halbem Weg begannen wir „Knuhs“ zu spielen. Das Wort hatten wir selbst erfunden. Es bezeichnete folgendes, von Alex und mir ersonnene Spiel: Wir gingen nebeneinander, die Oberarme an den Körper gelegt, die Unterarme nach vorne gestreckt und die Hände zu Fäusten geballt, so als ergriffen wir ein Lenkrad. Dann scherte jeder von uns aus, so dass sich unser Abstand vergrößerte. Dann gingen wir wieder im schnellen Seitwärtsgang aufeinander zu, holten mit einer Drehung des Oberkörpers aus und schlugen unsere Schulranzen, die wir auf dem Rücken trugen, mit aller Macht gegeneinander. Der Reiz des Spiels war, dass dieser Vorgang absolut synchron geschehen musste. Wenn einer von uns zu schnell oder zu früh mit dem Schlag ausholte, schlug er dem anderen den Schulranzen in die Seite, was äußerst schmerzhaft war. Das Spiel war also gleichzeitig auch eine Mutprobe, und eine Herausforderung durfte nicht abgelehnt werden.
Alex und ich hatten alte, braune Schulranzen aus Leder, die breiter als hoch waren. Sie hatten beide die gleichen Abmessungen, was eine exzellente Voraussetzung für „Knuhs“ war. Die Schläge, die sie fast täglich einstecken mussten, gingen jedoch nicht spurlos an ihnen vorbei. Ihre seitlichen Ränder waren mittlerweile stark zerknautscht, und die Nähte drohten aufzuplatzen. Doch unsere Ranzen hielten wacker durch. Das Kaufkriterium für jeden Schulranzen sollte sein, wie oft man damit „Knuhs“ machen kann. So mancher Scout-Ranzen zog den kürzeren, wenn Alex und ich unerwartete „Knuhs“-Attacken gegen unsere Mitschüler ausübten. Jemand, der auf solch einen Angriff nicht vorbereitet war, war außerstande sich auf den Beinen zu halten. Die wutverzerrten Gesichter, die uns aus der Tiefe eines Gebüschs, dem Grund eines Straßengrabens oder dem Matsch einer Pfütze Blutrache schworen, waren kaum zu zählen.
„Wo kommst du her?“ empfing mich streng meine Mutter, als wir zu Hause ankamen. „Kannst du nicht einmal zeitig kommen?“ – Klar, sie war einigermaßen gereizt, schließlich hatte sie sich ja noch um ein Kleinkind zu kümmern. „Los, mach voran!“ schimpfte sie. Für gewöhnlich stattete ich Tanja vor dem Essen einen Besuch ab, doch heute beschloss ich, mich sofort an den Tisch zu setzen, um meine Mutter nicht noch mehr zu verärgern. Treubeflissen schickte ich mich an, Platz zu nehmen.
„Hast du dir die Hände gewaschen? Wie oft muss ich dir noch sagen, du sollst dir die Hände waschen! Ab ins Bad!!“ – „Da soll sich einer auskennen.“ brummelte ich vor mich hin, während ich kopfschüttelnd ins Badezimmer trottete, „da meint man’s gut und dann das.“ Ich wusch mir also die Hände, kehrte in die Küche zurück und verdrückte mein Warmgehaltenes. Ich war heilfroh, dass ich alles aufbekam. Wenn ich heute mit dem Spruch „Mama, ich pack‘ nich‘ mehr“ rausgekommen wäre, hätte ich das Fass bestimmt zum Überlaufen gebracht. Doch dazu sollte sich später am Tage noch Gelegenheit bieten.
Nach dem Essen und nach den Hausaufgaben zog ich meine Windjacke an und ging nach draußen. Alex würde auch seine Windjacke anziehen, hatte er gesagt. Wir kamen uns immer ganz toll vor, wenn wir im Frühling die ersten Jungen waren, die ihre Windjacken trugen. Während die anderen Kinder in Anoraks und Parkas rumlaufen mussten, was an einem solch sonnigen und milden April-Tag wirklich übertrieben war, schlenderten Alex und ich mit unseren Windjacken umher, deren Reißverschlüsse wir zu alledem offen ließen. Nach Ansicht unserer Mütter hatten wir die Jacken grundsätzlich zu schließen, aber das war uns zu kindisch. Außerdem trugen wir leichtes Schuhwerk. Alexander hatte seine Uraltsandalen an, während ich mit meinen neuen Ledersandalen das Haus verließ. Es war keine Woche her, dass meine Mutter mir diese Sandalen gekauft hatte. Sie waren ausschließlich zum Tragen in der Schule gedacht und nicht zum draußen spielen.
Ich erkannte das Problem, als wir schon beinahe den Spielplatz erreicht hatten.
„Mist.“ stellte ich fest und blieb stehen.
„Was ist?“ fragte Alex, blieb ebenfalls stehen und drehte sich zu mir.
„Ich hab die doofen Sandalen noch an.“
„Na und?“
„Die darf ich doch nur in die Schule anziehen.“ lamentierte ich. „Die sind krachneu! Wenn die dreckig werden krieg‘ ich Mecker.“
Ich hatte vergessen, mir andere Schuhe anzuziehen, bevor ich aus dem Haus ging. „Mecker kriegen“ deutete nur unzulänglich an, was mich erwarten würde, wenn die neuen Sandalen dreckig würden, zumal meine Mutter heute ohnehin so gereizt war. Aber jetzt noch mal nach Hause zu gehen, um andere Schuhe anzuziehen, bedeutete einen unnötigen Zeitverlust und höchst wahrscheinlich auch die Einbuße meiner Windjacke.
„Ist jetzt sowieso egal.“ Alex zuckte mit den Schultern. „Jetzt hast du sie an.“
„Du hast gut reden!“ fuhr ich ihn an. „Du hast ja auch brav deine alten Sandalen angezogen! Was mach ich denn jetzt?“
„Pass halt ein bisschen auf.“ schlug Alex vor, „Ist ja außerdem trocken heute.“
Ich nickte missmutig mit dem Kopf und wir zogen weiter.
„Ooooh, nein!!“ jammerte ich zehn Sekunden später, blieb abermals stehen und stampfte mit den Füßen auf. „So eine Scheiße! Och, Mann!“
„Was ist jetzt wieder?“ fragte Alex, der gerne etwas schneller vorangekommen wäre.
„Ich hab ja auch noch die saublöde Kord-Hose an!“ tobte ich. „Die darf ich doch auch nur in die Schule anziehen!“
„Ach, was soll’s!“ rief Alex. „Da kommt schon nix dran! Kriegst du halt ein bisschen Mecker, weil du sie angehabt hast., aber dreckig werden die Sachen schon nicht.“
Ich sah ein, dass diese Betrachtungsweise in diesem Moment die vernünftigste war, wenigstens in den Augen von uns Kindern. Ich vergaß die Problematik auch recht bald. Schließlich erreichten wir den Spielplatz.
„Turm macken. Brrrrrr.“ klang es leise aus dem Sandkasten heraus. „Schwerer Kran. Brrrrrr.“
Es war ein kleiner Junge, der im Sandkasten buddelte. Er hatte einen Haufen Sand aufgeschüttet und bewegte seinen Arm wie den Ausleger eines Baukrans. Dabei nahm er Sand vom Boden auf, schwenkte ihn über seinen Sandhaufen und ließ ihn fallen.
„Psssst!“ machte Alex und duckte sich. Ich duckte mich ebenfalls, denn ich ahnte die Gefahr. Am Spielplatz vorbei führte ein Weg, der mit quadratischen Betonplatten gepflastert war. In der Mitte dieses Weges befand sich auch der Zugang zum Spielplatz, der ansonsten über die gesamte Länge mit dichten dornigen Zierapfelhecken eingerahmt war. Der Weg begann auf halber Höhe des „Bergs“, aus dem er abzweigte. Deshalb befand sich im Mündungsbereich auch ein runder, ausbetonierter, einen Meter hoher Stahlpfosten, damit der Weg nicht von Autos befahren werden konnte, denn ein Kleinwagen hätte hier schon durchgepasst.
„Guck mal vorsichtig über die Hecke!“ raunte Alex mir zu. „Wer ist das?“
Ich richtete mich soweit auf, dass ich gerade so durch die obersten Zweige der Hecke zum Sandkasten blicken konnte und erkannte Ossett im Profil, wie er vor seinem Sandhaufen hockte. Ich ging wieder in die Hocke.
„Wahnerbüggel.“ sagte ich zerknirscht.
„Verdammt.“ stieß Alex gedämpft hervor. „Wenn der uns sieht, rennt er uns wieder hinterher.“
Im Moment konnte er uns natürlich nicht sehen, aber wir mussten am Zugang zum Spielplatz vorbei, und der war locker zwei Meter breit.
„Wir bleiben am besten geduckt,“ schlug ich vor, „und vor dem Eingang huschen wir schnell vorbei.“
Alex nickte. „Also los.“
Wir nahmen beide eine Haltung ein, als machten wir einen Diener und pirschten vorwärts. Schließlich kam der Zugang. Wir beschleunigten unsere Schritte und eilten vorbei, inständig hoffend, dass Ossett uns nicht gesehen hatte.
„Heeh!“ quäkte es aus dem Spielplatz heraus. „Wohin?“
Verflixt! Alex und ich pressten kurz die Lippen zusammen, dann richteten wir uns auf und drehten uns langsam um. Wir sahen, wie Ossett seinen Sandhaufen aufgab und sich anschickte, zu uns herüber zu laufen. Wir drehten grimmig unsere Köpfe zueinander hin, bis sich unsere Blicke trafen, die Augen zu messerscharfen Schlitzen verengt.
„Aussetzen?“
„Aussetzen!“
Unsere Gesichter hatten sich wieder entspannt, als Ossett uns erreichte. Er wollte natürlich sofort in unsere Pläne eingeweiht werden. Eigentlich hatten wir ja vor, unterhalb des Sportplatzes und des Mühlenwäldchens den Nachmittag an der Kyll zu verbringen. Also mussten wir uns einen Ort einfallen lassen, der möglichst weit in entgegengesetzter Richtung dazu lag.
„Und wo?“ fragte ich Alex.
„Weiß nicht. Wo?“ gab Alex zurück.
Ich überlegte kurz.
„Messerschmitt?“ schlug ich geheimnisvoll vor.
„Ja,“ Alex grinste wieder, „Messerschmitt ist gut.“
Das war natürlich starker Tobak. Wie der aufmerksame Leser womöglich bereits ahnt, war mit dem Codewort „Messerschmitt“ der Fichtenwald oberhalb des Adlerbaumes gemeint. Ossett war noch nie dort gewesen. Er schöpfte keinen Verdacht, als Alex und ich bestimmten, dass wir nun genau in die entgegengesetzte Richtung gehen würden.
Wir gingen also wieder am Spielplatz vorbei und dann den „Berg“ hinunter. Es kam uns absolut entgegen, dass wir dabei recht nahe an der Wohnung von Ossetts Eltern vorbeikamen. Frau Wahner hatte schön öfter vor meiner Mutter und Frau Theis den Verdacht geäußert, dass Alex und ich ihren Sohn absichtlich irgendwo stehen lassen würden und war deshalb besonders argwöhnisch. Wenn sie uns in diesem Moment gesehen hätte, so hätte sie Ossett bestimmt reingerufen. Doch das tat sie nicht. Sie hatte uns also nicht gesehen.
Alex und ich fanden diesen Aufschub unserer Pläne äußerst lästig. Ich überlegte, ob wir es nicht erreichen könnten, dass er von sich aus auf unsere Gesellschaft verzichtete. Da fiel mir etwas rundes, flaches auf der Straße auf.
Die umliegenden Gewässer brachten es mit sich, dass es hier viele Frösche gab. Sie waren so häufig, dass alle Nase lang einer auf der Straße plattgefahren wurde.
„Ossett!“ rief ich begeistert, „Ossett, hol‘ das mal!“
Alex sah verwirrt auf die Straße. Seine Augen blickten, sich hastig hin und her bewegend, zu der Stelle hinüber, auf die ich deutete. Als er den toten, plattgefahrenen Frosch auf dem Asphalt entdeckte, setze er schlagartig sein breites Grinsen auf.
„Ja, Ossett!“ rief er gehässig lachend, „Hol‘ ihn mit!“
Ossett trottete zögernd auf den Frosch zu. Der lag noch nicht lange da. Das war klar, so weich und feucht wie der noch war. Ossett sah auf den Kadaver hinunter, dann sah er mit großen Augen zu uns auf, die Zähne gebleckt und die Mundwinkel hinuntergezogen.
„Ja los!“ riefen Alex und ich drängelnd, „wir brauchen den nachher!“
Ich will gar nicht näher beschreiben, wie Ossett sich bückte, den Leichnam vom Boden abzog und in die Höhe hielt. Es war ekelhaft. Alex und ich grienten uns an und zogen Grimassen.
„Baaaaaah!“ riefen wir und schütteten uns aus vor Lachen.
„Jaa, hol‘ ihn mit!“ Alex wandte sich von Ossett ab, der immer noch den Frosch in die Höhe hielt und winkte ab.
Wir gingen weiter bis zum Spar-Geschäft. Als wir die Hauptstraße überquerten und über den Rasbach springen wollten, stellte ich fest, dass Ossett den Frosch mittlerweile fest in der Hand hielt.
„Baaaah! – Scheiße!!“ entfuhr es mir lautstark. Wie konnte jemand so blöd sein? „Komm, schmeiß ihn weg! Das ist ja ekelhaft! Komm...“
Damit führte ich ihn zum Bach.
„Schmeiß ihn da rein, und dann wasch‘ dir die Flossen! – Aber gut!“
Hinter dem Bach folgte die Wiese, die bis zu dem eingezäunten Waldstück reichte. An ihrer rechten Seite lag ein Grundstück mit einem Einfamilienhaus, der letzte Außenposten der Zivilisation. Danach folgte nur noch Wald. Für uns Grund genug, um uns an den roten und schwarzen Johannisbeeren zu bedienen, die über den Zaun des Grundstücks herüber ragten. Alex und ich mampften von den roten Johannisbeeren, gestanden Ossett jedoch nur die schwarzen zu, die in ihrer Naturform gar nicht so wohlschmeckend waren.
Widerwillig und motzend griff Ossett nach den schwarzen Beeren am Strauch. Da schritt Alex ein.
„Warte mal! Wir spielen doch Vater-Mutter-Kind!“
„Schon wieder?“ meckerte Ossett, dem nichts Gutes schwante.
„Ja! Ist doch prima hier!“ rief Alex übertrieben erfreut. „Wir, die Eltern, gehen mit unserem Kind in den Wald spazieren! Das ist doch schön, gell?“
Es war zwecklos zu versuchen, bei Ossett Begeisterung auszulösen. Er brachte einfach keine auf.
„Also,“ fuhr Alex fort, „du bist noch ein ganz kleines Kind, okay? Also müssen Mama und Papa dich füttern. Mit Brei.“
Alex pflückte nun sorgsam und mit wichtiger Miene eine Hand voll schwarzer Johannisbeeren vom Strauch. Dann pflückte er vom selben Strauch zwei große Blätter ab. Dazwischen legte er die Beeren und zermalmte sie. Als er die Blätter auseinander zog,
verteilte sich der Beerenbrei auf beide Blätter gleichermaßen.
So reichte er sie Ossett hin.
„Oooch!“ jammerte dieser enttäuscht. „Iss will aber risstige Beeren essen!“
„Hör zu!“ bellte ich dazwischen. „Du wolltest doch unbedingt mitkommen! Niemand hat dich dazu gezwungen. Also, mach‘ mit oder geh‘ nach Hause!“
Ossett machte ein langes Gesicht und trat missmutig ins Gras. Dann drehte er sich um und trottete trotzig zurück
(Fortsetzung folgt)
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