Literatuä - Der Alex und ich - Kapitel 9  

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Episode 8

 

 

 

Übersicht

 

 

 

Episode 10

 

                                       

 

Der Alex und ich – Die weltbesten Luftzischenlasser

Episode 9: Im Winter

Der Eifeler Sommer war immer kurz. Man musste stets auf Knien dankbar sein, wenn es Anfang September noch ein paar warme Tage gab. Danach wurde es rasch kälter, und das Wetter wurde schlecht. Die ergiebigen Regenfälle, die im Oktober und November niedergingen, verdonnerten uns Kinder dazu in den Häusern zu bleiben. Eigentlich waren es unsere Mütter, die uns dazu „verdonnerten“, denn wir neigten dazu, uns draußen bei nassem Wetter fürchterlich dreckig zu machen. Der Rasbach führte dann nämlich Hochwasser und seine Ufer wurden richtige Schlammgruben – herrlich, dort herumzustapfen. Leider litt unsere Kleidung darunter und an unseren Gummistiefeln lagerte sich dick der Schlamm ab. Da Alex und ich diesen Schlamm grundsätzlich an der Trittstufe der Eingangstür abstreiften, war es nur allzu verständlich, dass unsere Mütter uns lieber drinnen sahen. Mir machte das nicht viel aus, denn ich saß ebenso gerne an meinem Schreibtisch und malte.

Die letzten Tage im November gefielen mir immer besonders gut. Denn einerseits hatte ich am 26. November Geburtstag, andererseits begannen dann die Vorbereitungen für die Weihnachtszeit: In der Stadt wurden die großen, grünen, mit Glühbirnen besetzten Sterne aufgehängt, in der Schule durften wir jeder ein Kerzchen auf unseren Tischen aufstellen und zu Hause durften wir beim Backen von Weihnachtsplätzchen helfen.

Es war anders als heute. Heute liegen die Schoko-Weihnachtsmänner und Adventskalender bereits im September in den Läden aus. Zu unserer Zeit gab es diese Dinge erst ganz kurz vor der Adventszeit. So war der Zauber der Adventszeit viel intensiver. In der ersten Advent-Woche gab es immer einen Abend, an dem meine Mutter Teigrolle, Wolf und Ausstechförmchen aus dem Küchenschrank holte. Mein Bruder Ralf und ich saßen dann erwartungsvoll auf der Eckbank am Küchentisch, von dem unsere Mutter zu diesem Zweck die Tischdecke entfernte. Dann klemmte sie den schweren gusseiserenen Wolf an der Tischkante fest. Danach kam der feierliche Moment, wo sie die beiden in Handtücher gewickelten Teigklumpen aus dem Kühlschrank nahm. Der eine Klumpen war zum Ausstechen von Plätzchen bestimmt, aus dem anderen wurde „Spritzgebäck“ hergestellt. Ralf und ich wechselten uns bei der Arbeit ab. Während der eine aus dem plattgerollten Teig Plätzchen in Form von Herz, Karo, Pik und Kreuz ausstach, drehte der andere auf Kommando der Mutter an der Kurbel des Wolfes. Oben in den Wolf wurde der Teig hineingestopft, vorne kamen die Teigstränge heraus, die unsere Mutter als kunstvolle Schlingen und Kurven auf ein Backblech legte. Die Teigstränge wurden durch die verschiedenen Öffnungen der verschiebbaren Schablone erzeugt, die an der Ausgangsöffnung des Wolfes angebracht war. Selbstverständlich naschten Ralf und ich oft von dem köstlichen Teig. Unsere Mutter behauptete dann immer, dass wir davon Würmer in den Bauch bekommen, aber das konnte uns nicht abschrecken.

Die Weihnachtsstimmung gipfelte schließlich am Abend des 23. Dezember, wenn unser Vater nach Hause kam und den Weihnachtsbaum aufstellte. Bald war das Wohnzimmer vom Duft der Fichte erfüllt. Als der Baum stand, begann unsere Mutter mit dem Schmücken. Ich konnte Stunden damit zubringen, vor dem fertigen Weihnachtsbaum zu stehen und in den glänzenden Kugeln Fratzen zu schneiden.

Am nächsten Tag kam dann das Christkind, und das ist natürlich für jedes Kind der absolute Höhepunkt der Weihnachtszeit. All dies spielte sich jedes Jahr ab. Dieses Mal gab es allerdings einen Unterschied: Unsere Mutter war im siebten Monat schwanger. Bis zur Geburt unseres neuen Geschwisterchens waren es noch knapp zwei Monate.

Eine Woche nach Weihnachten folgte der Jahreswechsel. In der Regel gab dann eine Familie in unserem Haus eine Sylvester-Party und lud die übrigen Familien zu sich ein. In diesem Jahr waren meine Eltern die Gastgeber. Alex und ich gaben uns seit Tagen alle Mühe, brav zu sein. So wurde beschlossen, dass wir ein paar einfache Feuerwerkskörper – Sprüher und Ufos – abbrennen durften, wenn auch nur unter strengster Aufsicht. Alex Vater ordnete an, uns beide nicht aus den Augen zu lassen, denn ansonsten „könne man gleich mit einer Fackel in ein Sprengstoff-Depot laufen“.

Doch dazu kam es nicht. Alex und ich fanden schnell heraus, dass wir bei all dem Gequatsche der Erwachsenen bald keine richtige Beachtung mehr fanden. Als die Männer anfingen, Witze zu erzählen, schlichen wir umher und naschten von den Sektgläsern, die überall herumstanden. Hier ein bisschen, da ein bisschen, und nach einer Weile wurde zuerst mir schlecht und dann Alex. Die aufkommende Müdigkeit und unsere fahlen Gesichter wurden dann doch sehr rasch von unseren Müttern bemerkt. Als klar wurde, was wir getan hatten, gab es nur eine Strafe: Sofort ins Bett!

So waren Alex und ich um unser Vergnügen gebracht, um Mitternacht noch etwas herumzuzündeln. Am nächsten Morgen jedoch, es war der 1. Januar 1977, fühlten wir uns wieder ausgezeichnet. Früh schon trafen wir uns draußen vor der Tür, denn es war für uns traditionell so üblich, am Neujahrstag die Straßen und Wiesen nach Überresten von Feuerwerkskörpern abzusuchen. Das war natürlich streng verboten, aber das macht die Sache bekanntlich erst richtig interessant. Besonders erpischt waren wir auf Feuerwerkskörper, die in der Nacht nicht explodiert waren, sogenannte Blindgänger. Meistens hatten diese keine Lunte mehr - bestenfalls noch ein kleines Stückchen. Sobald wir einige dieser Blindgänger gesammelt hatten, versuchten wir sie zur Detonation zu bringen. Das war nicht ungefährlich, denn außer ein paar winzigen Ladykrachern, die immer so durchfeuchtet waren, dass sie lediglich sprühten, hatten wir stets auch einige China-Böller und Kanonenschläge gefunden. Deren Sprengkraft war enorm. Dazu kam dieses winzige Fragment von Lunte, das nach dem Anzünden kaum Zeit ließ sich in sichere Distanz zu begeben.

Der Leser wird sich fragen, wie wir beide überhaupt an Feuer kamen. Wir, insbesondere Alex, waren recht gewieft darin, unseren Eltern ab und zu Streichhölzer und Feuerzeuge zu stibitzen, die wir dann an geheimen Stellen versteckten und bei Bedarf hervorholten. Wir waren jedoch so klug, die Knallkörper nicht in gewohnter Weise in der Hand zu zünden und dann fort zu werfen, sondern wir steckten sie in den Schnee oder legten sie auf einen Pfahl. Obwohl das immer noch gefährlich genug war; so mancher Pulverblitz flog uns um die Ohren.

Wesentlich ungefährlicher waren jene Kracher, die keine Lunte mehr hatten. Diese rollten wir auseinander und schütteten das freigelegte Schwarzpulver zu einem Häufchen auf einen Pfahl zusammen. Oft fand sich dabei doch noch ein Stückchen Zündschnur, das wir dann als Lunte in das Häufchen steckten. Die Verpuffung, die wir sodann auslösten, war mit enormer Rauchentwicklung verbunden und glich einem Vulkanausbruch, wie wir fanden.

Zur Mittagszeit gingen wir heim. Zu Hause angekommen, bemerkte meine Mutter sehr schnell den Geruch nach Ruß und Schwefel und verwehrte mir, nach einem gehörigen Donnerwetter, für den Rest des Tages den Gang nach draußen.

Am Nachmittag fuhren meine Eltern mit mir und meinem Bruder Ralf zu Onkel Hans und Tante Sanni. Dort angekommen, spielte Ralf mit unseren Vettern, die eher in seinem Alter waren. Nur unsere Cousine war in meinem Alter, und da die Größeren mit uns Kleinen nichts zu tun haben wollten, spielte ich alleine mit ihr. Nach einer Weile rief Onkel Hans, der mein Patenonkel war, mich her und schimpfte: „Thomas! Was musste ich heute Morgen in der Zeitung lesen?“

Er tat nur so streng, aber ich hielt es für Ernst.

„Da war ein Bericht über dich drin!“ fuhr er fort, „Und ein Foto! Die haben darüber geschrieben, was für ein Trunkenbold du bist!“

„Ich bin aber kein Trunkenbold.“ sagte ich leise.

„Nicht? In der Zeitung steht aber, dass du heute Nacht so viel Sekt getrunken hast, dass du total besoffen warst!“

„Ich war nicht besoffen. Mir war nur schlecht.“

„Ja ja! Und es hinterher nicht zugeben wollen! Das ist typisch für so einen Trunkenbold wie dich!“

„Ich bin kein Trunkenbold!“ trotzte ich und stampfte mit dem Fuß auf. Ich hatte keine Ahnung, dass Onkel Hans mich nur veräppeln wollte.

„Natürlich bist du einer!“ rief er, „Das Bild von dir ist doch in der Zeitung! Das weiß jetzt jeder! Was willst du denn dagegen machen?“

„Dann reiß‘ ich das Bild eben raus.“ jammerte ich.

„Das bringt doch nichts!“ lachte Onkel Hans, „Du kannst doch nicht in jedes Haus laufen und sagen: ‚Ich muss das Bild von dem Trunkenbold aus der Zeitung reißen‘!“

„Och, Mann!“ langsam näherte ich mich dem Heulen, „Ich bin aber kein Trunkenbold! - Mama!“

Ich blickte meine Mutter an. Sie gab mir mit ihrem Lächeln und einem leichten Kopfschütteln zu verstehen, dass mein Onkel mich bloß ärgern wollte. Ich war erleichtert. Trotzdem konnten sie es allesamt nicht lassen, noch ein Weilchen über mein Missgeschick zu lästern.

In diesem Winter verlief der Januar für uns ganz normal. Alex und ich taten das, was wir immer taten. Wir fuhren ausgiebig Schlitten, bauten Schneemänner und Iglus, setzten Ossett aus, stahlen der Katzenoma die Meisenkolben vom Futterhäuschen und spielten Klingelmännchen. Einmal zwangen wir Ossett, tote Vögel zu suchen und uns zu bringen. Wir hatten keine Verwendung für die Vögel. Es ging uns lediglich darum, Ossett zu drangsalieren. Während dieser Aktion habe ich die Handschuhe des kleinen Andreas in der Kyll versenkt, als wir vesuchten, die völlig verdreckten Woll-Fäustlinge zu waschen. Ich bekam hinterher mächtigen Ärger mit Frau Wahner – einmal mehr.

Das wirklich bemerkenswerte Ereignis dieses Winters trat erst im nächsten Monat ein. Es war der Februar 1977. Mein Bruder Ralf und ich wussten ja bereits, dass unsere Mutter schwanger war und dass sie irgendwann ins Krankenhaus kommen würde, wo unser neues Geschwisterchen dann auf die Welt käme. Das hatten uns unsere Eltern bereits erklärt. Als es dann aber so weit war, an diesem 10. Februar, war uns doch etwas unbehaglich zumute. Es war die Hektik, die in jenen Stunden vorherrschte, die ich so beklemmend fand. Mein Vater kam mich bei Alex zu Hause abholen, nachdem er meine Mutter ins Krankenhaus gebracht hatte, dann fuhr er mit mir zur Turnhalle des Gymnasiums, wo mein Bruder Fußball-Training hatte. Auch er wurde eingesammelt und zusammen brachte unser Vater uns zu Bekannten, die nicht weit von uns entfernt wohnten. Sofort fuhr mein Vater wieder los. Ralf und ich blieben in der Obhut der Familie Planer – so hießen die Bekannten unserer Eltern.

An den Rest erinnere ich mich nicht mehr, außer dass mein Vater spät am Abend anrief und jedem von uns, erst Ralf und dann mir, mitteilte, dass wir eine Schwester hätten und dass sie Tanja heißen sollte.

Am nächsten Tag, im Krankenhaus, muss ich beim Anblick meiner Schwester vor Freude wohl auf dem Hosenboden durch den Korridor gerutscht sein. So wurde es mir Jahre später jedenfalls erzählt.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Episode 8

 

 

 

Übersicht

 

 

 

Episode 10