Literatuä - Der Alex und ich - Kapitel 7  

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Episode 6

 

 

 

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Episode 8

 

                                       

 

Der Alex und ich – Die weltbesten Luftzischenlasser

Episode 7: Ossett

Es war Anfang September, ein schöner warmer Spätsommertag. Nach dem Essen machte ich rasch meine Hausaufgaben. Sie bestanden darin, vier Zeilen in unserem Übungsblock mit kleinen l’s und e’s in Schreibschrift voll zu schreiben. Das nahm nicht viel Zeit in Anspruch.

Als ich damit fertig war, wollte ich auf schnellstem Wege nach draußen um Alex zu treffen. Doch meine Mutter wollte mir und meinem Bruder vorher noch etwas mitteilen.

„Ralf! Thomas!“ rief sie aus der Küche. „Kommt mal her!“

Ralf und ich liefen zu ihr hin. Unsere Mutter kam uns auf halbem Weg, im Flur, entgegen. Sie drückte uns an sich und sagte: „Ach, Kinder, ich hab‘ euch so lieb.“

Das hörten wir gerne. Wir drückten sie ebenfalls und sahen sie fragend an, denn das konnte wohl nicht der Grund dafür gewesen sein, dass sie uns herbei rief.

„Ihr zwei,“ begann sie. „ihr werdet bald Brüder!“

„Aber - “ stutzte ich. „Wir zwei sind doch schon Brüder.“

„Ja. – Aber ihr bekommt bald noch ein Geschwisterchen.“

„Kriegst du wieder ein Baby?“ fragte Ralf erwartungsvoll.

„Ja! Ist das nicht toll?“

Natürlich war das toll! Wir drückten unsere Mutter noch einmal feste, dann lief ich sofort aus der Wohnung und runter auf die Straße. Dort wartete Alex schon. Ich erzählte ihm sofort aufgeregt, dass ich bald ein großer Bruder sein würde und wie toll ich es fände, wenn es ein Mädchen würde.

„Dann habe ich nämlich ein Schwesterchen, auf das ich aufpassen kann, und mit der ich spielen kann.“ schwärmte ich.

„Hm.“ meinte Alex. „Muss nicht unbedingt so super sein.“

„Warum?“

„Ich hab‘ auch ‘ne kleine Schwester. Die plätzt immer, kriegt immer zugehalten, und überhaupt.“

„Ja, spielst du denn nicht mit ihr?“

„Was soll ich denn mit der spielen? Die hat doch nur Puppen. Willst du etwa mit Puppen spielen?“

„Nee, natürlich nicht.“

„Siehste! Wünsch‘ dir mal lieber ‘nen Bruder!“

Ich sah ein, dass Alex‘ Argumentation sehr stichhaltig war. Ich beschloss also, mir doch lieber einen Bruder zu wünschen.

Alex und ich schlenderten die Straße entlang in Richtung Spar-Geschäft, vorbei an den Reihenhäusern. Wir hatten noch keine Idee, was wir genau unternehmen wollten, aber erfahrungsgemäß dauerte es nicht lange, bis einer von uns einen Vorschlag machte. 

Während wir die Straße entlang gingen, folgte uns in etwa zehn Metern Abstand ein kleiner Junge. Er war erst vier Jahre alt und hätte Alex und mir von daher eigentlich völlig gleichgültig sein können, aber an manchen Tagen folgte er uns auf Schritt und Tritt. Er war der Ossett. Eigentlich hieß er Andreas Wahner, aber immer wenn er seinen Namen nannte, sagte er „Ossett Wahner“. Weiß der Herrgott, wieso. Jedenfalls nannte ihn bald jeder nur noch Ossett. Alex und ich gingen jedoch manchmal auch dazu über, ihn „Wahnerbüggel“ zu nennen. Ossett hatte dunkelbraune Haare und nussbraune Augen. Heute würde ich sagen, dass er ein niedlicher kleiner Racker wäre, aber damals mochten wir ihn nicht sonderlich leiden.

Er konnte aber auch wirklich eine richtige Plage sein. Wie oft hatte ich ihn schon gemaßregelt, wenn er die Klebebänder von der Kopfstütze meines Kettcars abriss. Die letzten zwei Male gab ich ihm eine Backpfeife und bekam daraufhin Ärger mit seiner Mutter. Die Konfrontation verlief so:

Ich saß auf meinem Gefährt, als Frau Wahner mit energischen Schritten aus dem Haus kam. Es war Vera, die mich verpetzt hatte. Ossett war am plärren. Frau Wahner baute sich vor mir auf und schimpfte:

„Hast du Andreas geschlagen?“

„Ja.“ gab ich zu.

„Du hast ihn nicht zu schlagen! Er ist immerhin viel kleiner als du!“

„Dann soll er aufhören, mein Kettcar kaputt zu machen!“ trotzte ich.

„Ach!“ brauste Frau Wahner auf. „Er ist doch noch klein! Er weiß das doch noch nicht!“

Ich senkte den Kopf und brummte: „Dann muss er’s lernen.“. Daraufhin trat ich kräftig in die Pedale und ließ Frau Wahner, den plärrenden Ossett und die sich bei Frau Wahner einschleimende Vera einfach zurück.

Doch zurück zur eigentlichen Geschichte:

Alex und ich bemerkten Ossett relativ schnell. Er folgte uns beharrlich, sein Tempo dem unseren angepasst. Er wollte immer wieder an unseren Aktivitäten partizipieren, obwohl wir ihm mehrmals klar gemacht hatten, dass wir ihn nicht dabeihaben wollten.

Das Mehrfamilienhaus, in dem Wahners wohnten, war direkt an jenes angebaut, in dem Alex und ich wohnten. Da wir noch nicht weit gegangen waren, waren wir noch sehr nahe an Frau Wahners Ohren. Deshalb konnten wir Ossett nicht mit dem gewohnten, lautstarken „Hau ab, Wahnerbüggel!!“ vertreiben. Ossett hatte zwar die Schwachstelle, dass er in seinem Alter noch ziemlich häufig in die Hose machte und dann heulend nach Hause lief, aber darauf konnten wir natürlich nicht hoffen. Wir blieben stehen und drehten uns zu ihm um. Während Ossett auf uns zu kam, sagte Alex zu mir in einem Tonfall, als wäre er des Lebens überdrüssig: „Weißt du was? Ich bin’s leid mit dem.“

„Ich auch.“ sagte ich, wissend, dass die Zeit der Worte vorüber war. Ossett musste es nun auf die harte Tour lernen. Ich deutete auf die Dornenhecken, die am Straßenrand als Ziersträucher angepflanzt waren, „Sollen wir ihn da in die Hecken setzen?“

„Nee – dann plätzt er doch sofort wieder, und seine Mutter kommt angerannt, bevor wir ‚nix wie weg’ sagen können.“

„Was dann?“

„Was hältst du davon, wenn wir ihn mitnehmen und wir ihm sagen, wir spielen ‚Vater-Mutter-Kind‘ mit ihm?“ erklärte Alex, „Dann lassen wir ihn irgendwo stehen und sagen, das wär‘ unser Haus und wir, wir wären ja dann die Eltern, würden einkaufen gehen und wären bald zurück. In Echt hauen wir aber einfach ab.“

„Also setzen wir ihn richtig aus?“

„Ja.“

„Gut.“

Ossett schloss zu uns auf. Wäre er etwas älter gewesen, hätte ihm unsere Freundlichkeit unheimlich sein müssen. Er schöpfte aber keinen Verdacht, als wir ihn in unsere Mitte nahmen und ihm unseren Vorschlag unterbreiteten. Er war mit „Vater-Mutter-Kind“ einverstanden. Alex war der Vater, und ich musste die Mutter sein. Das passte mir zwar überhaupt nicht, aber ich sah ein, dass der Zweck die Mittel heiligte. Wir nahmen Osset in die Mitte und gingen den „Berg“ rauf.

Der „Berg“ war in unserem Wortschatz die von der unteren Straße steil nach oben abzweigende Verbindungsstraße zu den oberen Straßen, die ebenfalls zum Wohngebiet „Am Rasbach“ gehörten. Von dort aus waren es noch ein- bis zweihundert Meter Fußweg zum Sportplatz. Dort gab es fast keine Häuser. Links vom Sportplatz lag das „Mühlenwäldchen“, rechts führte eine schmale Straße am Sportplatz vorbei, und rechts von dieser Straße befand sich ein Hügel. Auf diesem Hügel wiederum standen einige Dolomitkalk-Felsen, umwachsen von Haselnuss-Hecken. Es gab unterhalb der Hecken, näher zur Straße hin, noch einen Spielplatz mit Klettergeräten aus Holz.

Wir gingen mit Ossett durch die Haselnuss-Sträucher zu den Felsen. Ein paar dieser Felsen standen so zusammen, dass dazwischen eine etwa einen Quadratmeter große Fläche abgetrennt war. Diese Steine waren so hoch, dass man die Innenfläche nur durch Klettern erreichen konnte. Dorthin trugen wir den beklagenswerten Ossett.

„So,“ begann Alex, „das ist jetzt unser Haus. Ist doch toll, oder? Richtig gemütlich. Was meinst du, Frau?“

Frau! Ich trat ihm dafür gegen den Fuß, denn ich hatte keine Lust, vor Ossett mein Gesicht zu verlieren. Alex machte mir mit einer kurzen Verzerrung seiner Lippen klar, dass ich meine Rolle spielen sollte.

„Äh, ja.“ sagte ich mit Fistelstimme, „wirklich hübsch.“

„Soo,“ hub Alex nun wieder zu reden an, „jetzt gehen Mama und ich noch einkaufen. Du bleibst schön hier, Ossett. Wir sind schnell wieder zurück.“

Ich kletterte zuerst aus der „Wohnung“. Dann folgte Alex. Er tat so als würde er eine Haustür öffnen und wieder schließen und verzichtete dabei auch nicht auf dieses oberbescheuerte „Schick-auf – Schick-zu“, das die Mädchen immer von sich gaben, wenn sie im Spiel eine imaginäre Tür öffneten und schlossen.

Als Alex und ich wieder außerhalb der Felsen standen, hörten wir Ossett jammern: „Heh! Iss will mit!“

Er sprach noch nicht so gut, wie man hinzufügen muss. „Iss“ bedeutete „ich“, „macken“ bedeutete „machen“ und so weiter. Es dauerte ziemlich lange, bis er das ablegte.

„Das geht nicht!“ rief Alex ihm zu, „Wir gehen doch einkaufen!“

„Aber,“ jammerte Ossett, „zu Hause darf iss immer mit!“

„Andreas!“ ermahnte ich ihn energisch, „Wenn wir schon mit dir spielen, dann spielst du gefälligst nach unseren Regeln, klar?“

„Wir sind ja auch gleich wieder da!“ fügte Alex hinzu.

Dann gingen wir davon. Ja, wir gingen einfach weg und machten uns keine Gedanken mehr um Ossett. Heute schäme ich mich dafür, und wenn die Sache kein gutes Ende gehabt hätte, würde ich sie hier sicher nicht so belustigend erzählen.

(Fortsetzung folgt)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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