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Der Alex und ich
– Die weltbesten Luftzischenlasser
Episode
6: In der Schule wird alles anders
Als wir sechs Jahre alt waren, kamen Alex und ich in die Schule. Unsere Eltern waren ziemlich zuversichtlich, dass man uns dort besser in den Griff bekommen würde als im Kindergarten. Mit Aussagen wie „Jetzt fängt der Ernst des Lebens an!“, „Jetzt ist Schluss mit euren Experimenten!“ und „Da werden sie euch schon Mores lehren!“ machten sie uns die bevorstehende Schulzeit nicht gerade schmackhaft, aber darum ging es auch gar nicht. Wichtig war ihnen nur, dass wir eines Tages mit einer guten Schulbildung einen ordentlichen Beruf ergreifen sollten.
Ich hatte zu dieser Zeit einen eigenartigen Berufswunsch. Wenn ich morgens bei Alex klingelte, um mit ihm zur Schule zu gehen, fragte seine Oma mich jedes Mal, was ich einmal werden möchte. Sie kannte die Antwort, doch sie wollte sie immer wieder von mir hören. So auch an diesem Morgen:
Ich kam die Treppe vom Obergeschoss hinunter ins Erdgeschoss und klingelte an der Tür. Vera machte die Tür auf und ich ging wortlos hinein, um Alex in der Küche zu treffen.
„‚Guten Morgen‘ sagt der Bauer, wenn er in den Stall kommt!“ hörte ich plötzlich eine laute Stimme neben mir rufen. Es war Alex‘ Vater. Er war recht streng und ich hatte gehörigen Respekt vor ihm.
„Guten Morgen.“ sagte ich schüchtern und ging eilig weiter.
Als ich in die Küche trat, saß Alex dort vor seinem Frühstücksei, das er immer zum Schluss aß. Es war schon witzig: Ich mochte an Eiern den Dotter nicht. Den musste meine Mutter mir vorher immer rauslöffeln, erst dann aß ich genüsslich das Eiweiß. Alex hielt es genau anders herum. Er löffelte den Dotter aus und verschmähte das Eiweiß. Wenn der eine von uns beim anderen übernachtete, so brauchte man für uns beide zusammen nur ein Ei zu kochen.
Alex Mutter und seine Oma saßen ebenfalls am Tisch.
„Morgen, Jung‘!“ rief Frau Theis. „Alexander ist gleich fertig.“
„Ist gut.“ sagte ich und nahm meine Mütze vom Kopf. Wir mussten als Erstklässler diese orangefarbenen Mützen mit dem grünen Logo der Verkehrswacht tragen. Alex und ich hassten diese Mützen, weil sie uns, kaum auf dem Schulhof angekommen, sofort als i-Pänzjen bloßstellten und uns den Spott der älteren Kinder einbrachten.
Während ich da stand und auf Alex wartete, stellte Alex‘ Oma mir erwartungsvoll die Frage: „Thomas, was willst du denn mal werden, wenn du groß bist?“
Ich gab wie immer bereitwillig Auskunft: „Schmetterlings-Arzt!“
Darauf rief die Oma: „Wie schön!“ und brach in Gelächter aus. Alex‘ älterer Bruder Andreas, der sich ebenfalls für die Schule fertig machte, kam in die Küche und lästerte: „So ein Schwachsinn! Was Blöderes hab ich ja noch nie gehört!“
„Wieso Schwachsinn?“ fragte Alex und stand vom Tisch auf. „Dann macht er sich eben ein Messer aus einer Rasierklinge, oder so, und kann dann operieren.“
„Ja, genau.“ fügte ich hinzu, froh, dass Alex auf meiner Seite war. Andreas ging an mir vorbei.
„Blödsinn!“ fauchte er mich an. „Kein Mensch operiert Schmetterlinge!“
„Ach, hör‘ nicht auf den.“ sagte Alex zu mir „Was weiß der schon?“
Die Vorliebe für Schmetterlinge, die ich zu dieser Zeit entwickelte, ging einher mit einem plötzlich aufkeimenden Interesse an der Natur. Unter anderem begann ich mich auch für Pilze zu interessieren. Im Großen und Ganzen teilte Alex diese Vorlieben mit mir.
Nachdem Alex sich fertig angekleidet hatte und Frau Theis ihm seine Pausenbrote eingepackt hatte, schoben wir los zum Spargeschäft am Ende der Straße, wo der Schulbus hielt.
Die Schule befand sich im eingemeindeten Nachbarort Lissingen. Sie bot Raum für zwei Schulklassen. Die eine war das erste Schuljahr, also wir, die andere das zweite Schuljahr mit den etwas älteren Kindern. Es war ein altes Gebäude mit schweren Türen und hohen Räumen. Ein neues, größeres Grundschulgebäude befand sich zu dieser Zeit im Bau.
Frau Ballof, unsere Lehrerin, wusste Alex und mich schnell einzuschätzen. Sie behielt uns genauso im Auge wie es noch vor ein paar Monaten Fräulein Monika tat. Frau Ballof hatte jedoch andere Mittel für unsere Bestrafung. Jedes Mal, wenn ihr die Klasse zu unruhig wurde oder wenn ein einzelner Schüler zuviel Quatsch machte, dann stand sie auf und schrieb in Schreibschrift ein Wort an die Tafel, unterstrich es und machte einen Doppelpunkt dahinter. Dieses Wort hieß „Strafe“. Wenn sie das tat, waren wir alle schlagartig ruhig, denn wir wussten, dass diejenigen, die sich jetzt noch mucksten, ihre Namen sehr schnell unter dieser Rubrik finden würden. Dieses Risiko wollten wir natürlich nicht eingehen, denn Frau Ballofs Strafen waren stets mit viel Schreibarbeit verbunden. Nun war es aber leider so, dass wir von Zeit zu Zeit die drohende Gefahr vergaßen und im Übereifer wieder an Lautstärke zunahmen oder mit dem Banknachbarn schwätzten. Dann standen schnell die ersten Namen an der Tafel und der Lärmpegel senkte sich wieder auf Null.
Während des Unterrichts hatten Alex und ich oft Lust auf Zerstreuung. Meistens bohrten wir dann in der Nase und präsentierten uns gegenseitig unsere „Bummessen“, wie wir besonders große Nasenpopel nannten. Andere Kinder steckten ihre Bummessen für gewöhnlich in den Mund und schluckten sie runter. Doch das war uns zu widerwärtig. Statt dessen streiften wir sie zwischen uns mit dem Finger an der Tischkante ab, einen nach dem anderen, bis wir eine stattliche Phalanx aus vier großen, olivgrünen Popeln aufgebaut hatten.
„Gut, was?“ sagte ich, als ich den letzten gesetzt hatte.
„Ja. Bäh.“ gab Alex zurück und verzog das Gesicht. „Sieht ja schon eklig aus!“
„Thomas! Alexander!“ rief Frau Ballof. „Hört sofort auf zu schwätzen!“
Wir setzten uns sogleich aufrecht hin und machten beide ein Gesicht, das der Lehrerin nachhaltige Aufmerksamkeit suggerieren sollte. Gleichzeitig neigten wir uns seitlich leicht zueinander hin, um die Bummes-Reihe zwischen uns zu verbergen. Die Ermahnung machte uns klar, in welch gefährlicher Situation wir uns befanden. Wir sahen uns nach einer Möglichkeit um, unsere Bummessen verschwinden zu lassen.
Die Bänke in unserem Klassenraum bildeten drei Reihen, so dass sie zwei Gänge bildeten. Wenn man vom Eingang, der ganz hinten war, zur Tafel blickte, dann stand die rechte Tischreihe direkt an der Wand. Dann kam eine Reihe in der Mitte und eine an der Fensterseite, die direkt an die Heizkörper herangeschoben war. An dieser Fensterreihe, im mittleren Bereich, saßen Alex und ich. Einer von uns saß also direkt neben einem Heizkörper. Da das nicht immer angenehm war, wechselten wir uns häufig ab.
Heute saß ich an der Heizung. Sie war groß und schwer. Oben hatte sie ein Schlitzrost, dessen Löcher so breit waren, dass ich meinen Zeigefinger ungefähr einen Zentimeter tief hineinstecken konnte. Außerdem konnte man durch das Rost ganz klar das weiße Wasserrohr sehen, das zirka vier Zentimeter unter dem Rost horizontal durch den Heizkörper lief.
Ich blickte Alex an und deutete unauffällig in Richtung Heizung. Dann sah er mir mit gerümpfter Nase zu, wie ich Bummes für Bummes mit dem Finger aufnahm und durch das Schlitzrost in die Heizung fallen ließ. Ein guter Plan. Problematisch war es allerdings, die Popel am Rost los zu werden. Das ging nur durch wiederholtes Abstreifen an einem Steg des Rostes. Wenn ein Popel erstmal daran hing, brauchte ich ihm bloß noch einen Stups mit dem Fingernagel zu geben und er fiel in die Tiefe. Der letzte Bummes blieb dabei aber an dem besagten Wasserrohr hängen, so dass er für mich unerreichbar aber deutlich sichtbar war. Im Laufe der folgenden Wochen trocknete er an dem heißen Rohr zu einem dünnen schrumpeligen Fetzen zusammen. Bemerkenswert war, dass er sich dabei völlig weiß verfärbte.
Abgesehen von derartigen Aktivitäten tat ich im Klassenraum noch etwas anderes. Ich blickte mich von Zeit zu Zeit gerne um und betrachtete die anderen Kinder. Außer Alex kannte ich von allen Schülern unserer Klasse nur einen Jungen namens Marc Schattenberger. Mit ihm hatte ich vor der Einschulung des Öfteren gespielt, wir verstanden uns bis dato sehr gut.
Ganz hinten am Fenster saß ein Junge, der am ersten Schultag, als wir zum ersten Mal in die Klasse geführt wurden, bereits an diesem Tisch saß. Später erfuhren wir, dass er sitzen geblieben war und das erste Schuljahr wiederholen musste. Dieser Junge war sehr kräftig. Er hatte wilde Haare und einen starken Überbiss. Ich sah gleich, dass mit ihm nicht gut Kirschen essen war und hielt mich von ihm fern. Sein Name war Uwe Fink.
In der mittleren Reihe, relativ weit vorne, saß ein blondes, sommersprossiges Mädchen namens Heidi Grass. Alex und ich fanden, dass sie ein äußerst süßes Gesicht hatte. Später, im Laufe der Grundschulzeit, freundeten wir uns mit ihr an – sie hatte immer Kaugummi dabei, den sie mit uns teilte.
Heidi war süß, aber es gab da ein Mädchen in unserer Klasse, das ich sogar richtig schön fand. Ihr Name war Claudia Korn. Sie war während der gesamten Grundschulzeit mein großer Schwarm. Sie hatte lange braune Haare und dunkle Augen. Ich hatte sie schon früh bemerkt und musste immer wieder zu ihr hinschauen. Leider saß sie ganz hinten in der mittleren Tischreihe, so dass sie es stets bemerkte, wenn ich mich nach ihr umdrehte.
Auch an diesem Tag konnte ich der Versuchung nicht widerstehen. Nach der großen Pause hatten Alex und ich wieder die Plätze getauscht. Ich bestand darauf, denn schließlich sollte sich Alex den Bummes in der Heizung auch mal für eine Weile ansehen müssen. Nun saß ich am Gang, meinen Schulranzen hatte ich rechts neben meinen Stuhl auf den Boden gestellt. Nach einer Weile musste ich wieder an Claudia denken, doch diesmal wollte ich mich ganz unauffällig nach ihr umdrehen. Ich bückte mich nach rechts hinunter und tat so, als wollte ich etwas aus meinem Schulranzen holen. Langsam drehte ich meinen Kopf und lugte nach Claudia – und welcher Schreck! Sie blickte mich direkt an! Verlegen grinste ich ihr zu, doch was geschah? Sie zog mir eine Schnute! Sofort richtete ich mich wieder auf und blickte nach vorne.
Da saßen wir nun: Am Fenster saß Alex und neben ihm ein versteinerter Thomas. Doch meine Lethargie hielt nur bis zum Mittag an. Als der Bus uns nach Hause gebracht hatte, verabredeten Alex und ich uns für den Nachmittag.
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