|
|
Der Alex und ich
– Die weltbesten Luftzischenlasser
Episode 4:
Ein ganz normaler Tag im Kindergarten
Unsere Erzieherinnen, Fräulein Monika und Fräulein Petra, waren um ihre Aufgabe nicht zu beneiden. Ich würde heute auch lieber eine Tüte Heuschrecken bewachen wollen, als auf zwanzig Kinder aufzupassen, besonders wenn zwei Kerle wie Alex und ich unter ihnen wären.
Ich hatte es mir damals angewöhnt, regelmäßig und oft zu Fräulein Monika hinüber zu schauen, wenn wir spielten. Ich hielt es immer für wichtig zu wissen, aus welcher Richtung das Donnerwetter kommen würde, wenn es soweit war. Andererseits bestand aber auch die Möglichkeit, dass sie gerade einmal nicht zu uns rüber schaute. Doch
jedes Mal – soweit ich mich erinnern kann – blickte sie uns direkt an. Sie beobachtete uns mit Argus-Augen. Bei zwanzig Kindern jedoch musste ihre Aufmerksamkeit auch mal den anderen gelten, und so konnte sie nicht alles im Keim ersticken, was Alex und ich uns ausdachten.
An einem ganz bestimmten Morgen waren Alex und ich, wie alle Buskinder aus unserem Teil der Stadt, sehr früh im Kindergarten. Die meisten Kinder waren noch nicht da, doch so nach und nach tauchten auch die übrigen Buskinder auf und schließlich auch alle, die nicht mit dem Bus kamen, sondern von ihren Müttern gebracht wurden. Wie unterschiedlich die einzelnen Kinder auf diesen frühen Dienstantritt reagierten - die einen stürmten sofort in den Gruppenraum und begannen zu spielen, andere heulten lautstark und wollten nicht bleiben. Deren Mütter und Fräulein Monika versuchten dann stets mit vereinten Kräften, die Schreihälse davon zu überzeugen, wie überaus toll es im Kindergarten sei.
Schließlich kam auch Ruth herein. Sie war ungefähr ein Jahr jünger als ich, auch war sie etwas kleiner, und sie hatte kurzes dunkelbraunes Haar. Ich fand sie eigentlich ganz nett. Wie Alex über sie dachte weiß ich nicht. Er hatte sich nie dazu geäußert, von daher kann man im Grunde davon ausgehen, dass er sie zwar nicht übermäßig reizend fand, aber auch keine Antipathie ihr gegenüber empfand. Sie gehörte eben ganz einfach zu der großen Gruppe von Mitmenschen, die, unabhängig von unseren Gefühlen ihnen gegenüber, von Zeit zu Zeit unsere Faxen erdulden mussten. Alex und ich grinsten uns zu, als Ruth den Gruppenraum betrat, hatten wir ihr doch im letzten Sommer aus dem Hinterhalt mit abgepflückten Brennnesseln die nackten Beine vernesselt. Sie hatte seitdem keine besonders gute Meinung über uns, was man dem guten Mädchen auch nicht verübeln konnte.
Heute war Ruth jedoch außerordentlich vergnügt.
„Meine Mutter hat mir heute gesagt: Ich bin jetzt viereinhalb!“ strahlte sie Fräulein Monika an.
„Oh, wie toll.“ antwortete Fräulein Monika, „dann hast du ja bald wieder Geburtstag!“
„Was heißt das, viereinhalb?“ fragte ein anderes Mädchen.
„Das heißt, ich bin jetzt viereinhalb.“ sagte Ruth, „nicht bloß vier!“
Zu diesem Zeitpunkt hörte ich auf, ihr aus der Ferne zuzuhören. Ich hatte begriffen. Sie war nicht genau vier, aber auch noch nicht fünf. Sie war jetzt genau dazwischen. Ich sah noch einmal kurz zu ihr rüber, wie sie vor ihren Freundinnen stand und über die Besonderheit ihres Alters dozierte, dann wendete ich mich wieder meinem Kumpel zu.
Alex und ich gesellten uns zu drei anderen Jungen: Markus, Mario und noch einer, dessen Namen ich heute nicht mehr weiß. Wir spielten zusammen mit Lego-Steinen und bauten Düsenjäger und Schiffe. Nach einer Weile kabbelten sich Markus und Mario darüber, wer den schöneren, schnelleren und besseren Düsenjäger baute, obwohl keiner von beiden bis zu diesem Zeitpunkt mehr als drei Steine aneinandergesetzt hatte. Sie gerieten schließlich heftig aneinander.
„Heh!“ versuchte Alex zu schlichten, „baut doch erst mal fertig, dann sehen wir’s ja!“
Doch dieser äußerst vernünftige Vorschlag stieß auf taube Ohren. Nach einem kurzen Kampf boxte Mario dem unglücklichen Markus auf die Nase und entschied die Streitfrage damit zu seinen Gunsten. Erstaunlicherweise bemerkten unsere Erzieherinnen nichts davon. Ich erwartete, dass Markus nun laut heulend petzen ging, wie es für die meisten Kinder typisch war, doch er schwieg und baute weiter an seinem Düsenjäger.
Es dauerte eine kurze Weile, da bemerkte ich eine rote Masse, die aus Markus‘ Nase hervorquoll. Ganz langsam floss der Tropfen über seine Oberlippe. Mario bemerkte es auch und fragte Markus: „Watt has‘ du denn da? Is‘ datt Mammalaad?“
Ich bin aufgewachsen, ohne dass mich jemals ein Mensch Gerolsteiner Mundart zu sprechen lehrte, aber verstehen konnte ich sie immer: Mario hielt Markus‘ Nasenbluten für Marmelade. Alex und ich waren etwas geistesgegenwärtiger und informierten Fräulein Monika. Sie leistete sofort Erste Hilfe und Markus musste sich, den Kopf in den Nacken gelegt, mit je einem feuchten Lappen im Genick und auf der Stirn, an einen Einzeltisch setzen. Diesen Einzeltisch, der in diesem einen Fall mal nicht zur Bestrafung diente, sollte ich heute nicht zum letzten Mal gesehen haben.
Alex und ich nahmen unseren Flugzeug-Bau nicht wieder auf, sondern patrouillierten eine Runde durch den Gruppenraum um zu schauen, was die anderen Kinder machten. Schließlich fragten wir Ruth, die sich mit zwei Freundinnen und einem Brettspiel an einen Tisch gesetzt hatte, ob wir mitspielen durften. Ruth lehnte zunächst ab, wurde daraufhin aber von Fräulein Petra gescholten: „Lasst die Jungs doch mitspielen, was soll das denn?“. So gesellten wir uns zu den Mädchen.
Nachdem die Spielsteine vergeben waren, musste natürlich bestimmt werden, wer beginnen durfte. Dazu begann Alex einen Abzählreim aufzusagen: „Eene meene muh, heraus bist du. Heraus bist du noch lange nicht, musst erst sagen wie alt du bist.“ – Jeder kennt das: Hier muss man sein Alter nennen, dann wird weiter gezählt und derjenige, auf den das abzählende Kind danach deutet, scheidet aus. Ich schied gleich als Erster aus. Dann fing Alex erneut an abzuzählen. Als er bei „... wie alt du bist“ ankam, zeigte sein Finger auf Ruth.
„Viereinhalb.“ schoss sie hervor.
„Hm – also vier.“ entschied Alex und wollte zu zählen beginnen.
„Nein! Viereinhalb!“
Diese Ruth! Wie konnte man so beharrlich sein? Sollten wir hier etwa jemanden auseinander schneiden?
„Ruth!“ maulte ich sie an, „Wie soll das denn gehen? Lass Alex doch mit ‚vier‘ weitermachen!“
„Ich bin aber viereinhalb!“ trotzte Ruth.
Nachdem Ruth nicht zu überzeugen war, entbrannte an unserem Tisch eine heftige Kontroverse darüber, wie mit dieser Zahl zu verfahren war. Nur bis „Vier“ zu zählen war für Ruth inakzeptabel. Alex weigerte sich jedoch, bei „Viereinhalb“ auf den nächsten Mitspieler zu deuten, da dessen Position ja genau genommen „Fünf“ bedeutete. Als eines der beiden anderen Mädchen vorschlug, diesen Mitspieler als „Viereinhalb“ zu werten und den Nächsten, der eigentlich Nummer „Sechs“ war, zu Nummer „Fünf“ zu erklären, verloren Alex und ich die Geduld.
„Ach, macht euren Dreck doch alleine!“ fluchte Alex und stand auf.
„Genau!“ fügte ich hinzu und verließ ebenfalls meinen Platz.
Wir sahen, dass die Bauecke frei war und beschlossen, uns eine Burg zu bauen, wie wir es schon öfter gemacht hatten. Die Bauecke befand sich in einer Ecke des Gruppenraumes. Klar, sonst würde man sie nicht Bauecke nennen. Die Fensterseite, die über die volle Breite verglast war, stellte die linke seitliche Begrenzung dar. Rechts stand ein breites, ca. 1,50 m hohes Schrankregal, und den hinteren Abschluss stellte eine massive Innenwand dar. Um unsere Burg zu vollenden, brauchten wir lediglich eine Wand zu ziehen. In unserer Gruppe gab es sehr viele Bauklötze. Sie waren aus Holz und hatten durchweg Kindskopfgröße. Während wir die Wand errichteten und uns somit vor dem Rest der Gruppe verschanzten, maulten wir noch immer über die Mädchen.
„Junge, sind Weiber doof.“ stellte Alex fest.
„Ja.“ bestätigte ich, „Die können noch nicht mal richtig zählen.“
Als die Wand, die wir diesmal sogar mit drei Schießscharten versehen hatten, fertig war, sahen wir uns in unserer Burg um. Einige Klötze waren übrig geblieben, aber ansonsten war der Raum frei und äußerst behaglich. Wir waren uns einig: „Wenn wir nichts Anderes zum Wohnen hätten, würden wir hier drin wohnen.“
Dann fielen uns die gewebten Deckchen auf, die links auf der Fensterbank lagen. Es waren die Deckchen, die wir Kinder vor ein paar Wochen mit Fräulein Monika gewebt hatten. Alex und ich erkannten unsere Deckchen sofort, denn sie hatten beide das selbe Erscheinungsbild: An den Enden waren sie so breit, wie der Webrahmen es vorsah, doch in der Mitte waren sie stark verengt, weil wir beim Weben immer zu fest gezogen hatten.
Jeder von uns nahm sein Deckchen an sich. Wir prüften kurz ihre Verwendbarkeit und stellten fest, dass sie sich prima als Katapulte eigneten, wenn man sie einmal faltete, einen Bauklotz hineinlegte und die Enden dann mit Schwung auseinander zog. Mit etwas Übung konnte man sogar grob zielen.
Als Mario und Markus, dessen Nase wieder heil war, zur Bauecke kamen und uns aufforderten, diese frei zu geben, war der Zeitpunkt gekommen, unsere Katapulte unter Gefechtsbedingungen zu testen. Wir zögerten auch nicht lange. Als Mario und Markus sahen, wie Alex und ich hektisch nach den Bauklötzen griffen, machten sie augenblicklich kehrt. Da ging es auch schon los. Eines unserer Geschosse flog dem fliehenden Mario ins Kreuz, so dass er aufschrie. Ein anderes Geschoss flog ans andere Ende des Gruppenraumes und verwüstete ein Lego-Dorf, dass dort gerade errichtet wurde. Letztendlich war es eins meiner Geschosse, dass dem Spuk ein Ende bereitete. Ich feuerte einen großen Bauklotz unkontrolliert ab. Er beschrieb eine hohe ballistische Kurve und schlug mit einem Mords-Krach auf einem Tisch ein, an dem gerade einige Kinder Papierblumen bastelten. Das rief Fräulein Monika herbei. Sie packte Alex und mich an den Ohren und führte uns ab. Bis zu dem Zeitpunkt, da der Stuhlkreis gebildet wurde, musste jeder von uns an einem Einzeltisch sitzen – an zwei gegenüberliegenden Ecken des Raumes.
Als der Stuhlkreis gebildet wurde – im Kindergarten traditionell die letzte Aktion vor der Heimfahrt – mussten Alex und ich wiederum an zwei weit voneinander entfernten Punkten im Kreis Platz nehmen. Die Erzieherinnen glaubten, auf diese Weise zu verhindern, dass wir Unsinn machten. Doch Unsinn ist bekanntlich etwas, das man auch alleine machen kann. Es wurde bestimmt, dass wir „Stille Post“ spielten. Das Spiel dürfte bekannt sein: Die Kinder sitzen im Kreis, das erste Kind denkt sich ein Wort aus und flüstert es seinem Sitznachbarn ins Ohr. Auf diese Weise wird das Wort weitergegeben. Letzten Endes wird das Wort wieder zum ersten Kind durchgereicht. Die Spannung steigt ins Unerträgliche, wenn am Ende überprüft wird, ob das Wort auch richtig durchgegeben wurde. Ich selber fand das Spiel immer todlangweilig. In unserem Stuhlkreis im Kindergarten wurden in der Regel zahlreiche Runden gespielt. So auch an diesem Tag, und während jedes Durchgangs, ganz gleich, wie das Wort hieß, welches mir zugeflüstert wurde, flüsterte ich meinem Nebenmann das Wort „Schornsteinfeger“ ins Ohr und sorgte so für eine ergötzliche Verwirrung, bis auch diese Missetat ans Licht kam.
Die Schelte war groß, doch als wir im Bus nach Hause saßen, dachten Alex und ich schon nicht mehr daran. Wir waren viel zu sehr damit beschäftigt, Pläne für den Nachmittag zu schmieden.
|
|