Literatuä - Der Alex und ich - Kapitel 3  

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Episode 2

 

 

 

Übersicht

 

 

 

Episode 4

 

                                       

 

Der Alex und ich – Die weltbesten Luftzischenlasser

Episode 3: Konfrontation

Wie schon erwähnt, hatte Alex eine jüngere Schwester. Sie hieß Vera und war ungefähr ein Jahr jünger als wir. Bevor sie meinen Namen richtig aussprechen konnte, sagte sie immer „Buas“ zu mir. Vera und ich verstanden uns sehr gut; so gut, dass wir manchmal zusammen spielten. Wenn dies der Fall war standen zumeist Spiele wie „Vater-Mutter-Kind“ oder „Prinzessin“ auf dem Programm, solch typische Mädchenspiele eben. Wenn ein Junge freiwillig mit einem Mädchen spielt, steckt freilich stets mehr dahinter als bloße Sympathie. So war es auch hier. Vera und ich versprachen uns damals gegenseitig, dass wir uns später einmal heiraten wollten.

Solange wir unsere Rollenspiele ausübten, funktionierte das auch prächtig. Doch von Zeit zu Zeit kam es vor, dass wir in Streit gerieten. Das geschah meistens dann, wenn Vera ihre beste Freundin Birgit an ihrer Seite hatte oder wenn ich mit Alex zusammen war.

Ein Fall trug sich so zu:

Vera war, als sie in den Kindergarten ging, unserer Gruppe zugeteilt. Für gewöhnlich gesellte sie sich zu den anderen Mädchen, doch manchmal spielte sie auch mit uns.

So saßen Alex, Vera und ich eines Tages zusammen mit ein paar anderen Kindern an einem runden Tisch und spielten das bereits erwähnte „Hämmerchen-Täfelchen-Nägelchen-Spiel“. Alex, das muss erwähnt werden, ärgerte seine Schwester mit Vorliebe. Er hatte zum Beispiel einige Spitznamen für sie, über die sie sich massiv aufregte. Zwei davon waren „Skalp“ und „Wedele“. Ich beobachtete Vera, wie sie mit ihren Täfelchen hantierte.

„Ich glaube nicht, dass du das richtig machst, Wedele.“ zog ich sie auf.

Vera brauste sofort auf.

„Gar nicht wahr!“ rief sie zornig, „ich kann’s besser als du!“

Wie bitte? Die Kleine wurde aufmüpfig! Das musste geklärt werden.

„Haha!“ rief ich und warf lachend den Kopf zurück. „Dass ich nicht lache! Als ob ein Mädchen mit Werkzeug umgehen könnte!“

„Kann ich auch! Soll ich dir mal auf den Kopf hauen?“

Dieses Biest zollte mir doch tatsächlich keinen Respekt. Nun hob sie auch noch ihr Hämmerchen und drohte mir damit.

„Pöh!“ machte ich verächtlich. „Eher hau‘ ich dir einen über!“ und tippte mit meinem Hämmerchen auf ihren Kopf. Ich wollte sie bloß einschüchtern, denn es gab keinen Zweifel, dass ich stärker war als sie. Zu dumm, dass man als kleiner Junge nicht weiser ist.

„Hat ja gar nicht weh getan!“ triumphierte sie singend. „Bist ja nur aus Marzipan!“

Ich war es nun, der sich ärgerte. So hatte ich mir das nicht vorgestellt. Vera hatte den Spieß umgedreht, und das weckte Wut in mir, also tippte ich etwas fester mit meinem Hämmerchen auf ihren Kopf.

„Hat ja immer noch nicht weh getan!“ spottete Vera und fügte hinzu: „Du Schwächling!“

Nach außen hin ließ ich mir nichts anmerken, doch innerlich kochte ich über Veras Frechheit. Ich zögerte nur kurz, dann gab ich ihr ordentlich einen mit meinem Hämmerchen aufs Haupt.

„Das hat weh getaaaan!“ rief sie, wobei das „getan“ ins Heulen überging.

Eine unsere Erzieherinnen, Fräulein Monika, hatte den Hergang beobachtet. Sie tauchte aus dem Nichts auf, jedenfalls aus meiner Sicht, ergriff meinen Arm, zog mich vom Stuhl und schimpfte mich lautstark aus. Danach verdonnerte sie mich dazu, an dem Einzeltisch am Fenster Platz zu nehmen, der extra für Missetäter freigehalten wurde. Vera und ich sprachen kein Wort miteinander, bis der Bus uns mittags nach Hause fuhr.

Nach dem Mittagessen war die Sache noch nicht erledigt. Vera rottete sich mit Birgit zusammen und gemeinsam planten sie einen Feldzug gegen mich.

Ich besaß damals ein Fahrzeug, das als „Kett-Car“ bekannt war. Es hatte vier Räder, wie ein richtiges Auto, und Pedale, die über eine Kette die Hinterachse antrieben. Dazu hatte es ein schwarzes Lenkrad mit einer zentralen Hupe. Das Gestänge war rot lackiert und der Sitz war samt Rückenlehne und Kopfstütze schwarz-weiß kariert. Mein Kett-Car war mein Stolz und mein Heiligtum. Niemand durfte es anrühren geschweige denn damit fahren.

Schnell kamen Vera und Birgit darauf, mir über mein Kett-Car übel mitzuspielen. Sie füllten ein Plastik-Eimerchen mit Erde und gaben am Rasbach Wasser dazu, um einen dünnflüssigen Matsch herzustellen.

Wenn ich im Haus war, parkte ich mein Kett-Car immer seitlich neben dem Eingangs-Hof. Dort erschienen Vera und Birgit und leerten ihren Eimer über meinem geliebten Fahrzeug aus. Auf dem Sitz hinterließen sie einen besonders großen Matschhaufen. Dann warteten sie auf der Straße, bis ich aus dem Haus kam. Immerhin waren sie so ehrenvoll, ihr Gesicht zu zeigen.

Ich trat ahnungslos aus dem Haus und sah die Bescherung. Gleichzeitig hörte ich das Hohngelächter der Xanthippen auf der Straße. Das war zuviel. Kochend vor Wut ging ich auf die Mädchen zu, doch Birgit beachtete ich nicht. Vor Vera blieb ich stehen, und ohne Ankündigung holte ich aus und gab ihr eine Backpfeife, dass es klatschte. Sie fing laut an zu weinen und lief ins Haus. Im selben Augenblick tat es mir leid. Doch das nützte nichts mehr, denn ich hörte Vera, deren Stimme durch das gekippte Badezimmerfenster hindurch nach außen drang, wie sie die ganze Geschichte ihrer Mutter vorheulte.

Nachdem ich mein Kett-Car notdürftig gereinigt hatte, wurde ich von meinen Schuldgefühlen überwältigt. Ich schluchzte und wollte meine Mutter aufsuchen, aber als ich oben an der Tür klingelte, machte niemand auf. Ich wusste natürlich nicht, dass meine Mutter gerade im Erdgeschoss bei einer anderen Nachbarin auf dem Balkon saß. Jede Wohnung hatte auf der Rückseite einen Balkon mit einem Geländer, das mit Wellzementplatten verkleidet war, so dass man selbst die Erdgeschossbalkone nicht einsehen konnte.

Ich ging wieder hinaus, um hinter dem Haus Trost zu suchen. Dort hörte ich plötzlich die Stimme meiner Mutter.

„Mama?“ rief ich. Mein Kinn bebte.

„Ja!“ Meine Mutter stand auf und stellte sich ans Balkongeländer. Ich lief zu ihr hin und jammerte: „Mama, ich hab Vera eine runtergehauen. Das wollte ich nicht. Ich will Vera doch heiraten!“

„Och, Thomas, ist doch halb so schlimm. Das Beste ist, du gehst jetzt rüber zur Frau Theis und entschuldigst dich. Sag‘ ihr, was du mir gesagt hast, dann ist bestimmt wieder alles gut. Du kannst direkt rüber gehen zu ihrem Balkon. Sie sonnt sich nämlich gerade.“

Ich nickte mit dem Kopf und ging hinüber zum benachbarten Erdgeschoss-Balkon.

„Frau Theis?“ rief ich schüchtern.

„Ja, Jung‘! Watt is denn?“ antwortete Frau Theis hinter dem Wellzementgeländer.

„Es tut mir leid, das mit Vera.“ begann ich, „Ich wollte Vera nicht schlagen.“

„Und?“

„Entschuldigung.“ sagte ich kleinlaut und ließ den Kopf hängen. Nach einer kurzen Pause hob ich den Kopf wieder und fügte hinzu: „Ich will Vera doch heiraten!“

„Is jut!“ rief Frau Theis lachend, „dann brauche ma de Stühl uch net weit zu schleppen!“

Ich verstand diese Antwort nicht, aber das Gelächter, das sich daraufhin auf beiden Balkonen erhob, sagte mir, dass die Sache damit erledigt war. Dennoch hatte ich allen Grund, mich ein wenig veralbert zu fühlen. Wurde meine Reue mir hier als Schwäche ausgelegt? Hatten die Frauen die Aktion abgesprochen? Damals dachte ich, den Streit mit Vera hätte ich zu meinen Gunsten entschieden, doch das war ein Irrtum. Letzten Endes musste ich das Gefühl haben, dass Vera, unterstützt durch die erwachsenen Frauen, mich immer noch verhöhnte.

Wieder einmal hatte Venus über Mars triumphiert.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Episode 2

 

 

 

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Episode 4