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Der Alex und ich
– Die weltbesten Luftzischenlasser
Episode 2: Die Ritter vom blanken Hintern
Alexander Theis war etwa vier Monate älter als ich. Er war auch kräftiger als ich, obwohl wir gleich groß waren, und er konnte sehr schnell laufen. Ich dagegen war nicht so sportlich und in einem Wettrennen mit Alexander zog ich stets den Kürzeren. Alexander hatte wie ich blonde Haare, die aber dunkler waren als meine, und er konnte genauso schelmisch grinsen wie ich. Aber das Beste war, dass seine Familie im selben Haus wohnte wie meine.
Die Reihenhaussiedlung „Am Rasbach“ bestand aus Einfamilien- und Mehrfamilien-Reihenhäusern. Bis auf einige Rasenflächen, die sie trennten, waren alle Häuser Giebel an Giebel, aber versetzt, aneinandergebaut. Vorne, zur Straße hin, waren Vorgärten angeordnet, während sich hinter den Häusern Rasenflächen befanden, auf denen stählerne Wäscheständer aufgebaut waren. Hinter den Rasenflächen wiederum floss der „Rasbach“, der dieser Siedlung ihren Namen gab. Der Rasbach war an beiden Ufern umsäumt mit großen alten Weiden, kleineren Zierhecken wie z.B. Wolliger Schneeball und im Frühling und Sommer mit haufenweise Brennnesseln. Jenseits des Baches lag eine weite, wilde Wiese, die jeder nur „das Feld“ nannte. Wenn wir dort spielten, bekamen wir meistens Ärger mit unseren Müttern, denn eigentlich durften wir nicht alleine dorthin.
Alle Häuser waren zweigeschossig und unterkellert. Der Dachraum war nicht ausgebaut und diente als Speicher beziehungsweise zum Aufhängen von Wäsche bei schlechtem Wetter. Die Mehrfamilienhäuser hatten ein mittig angeordnetes Treppenhaus, das je Geschoss zwei Wohnungen voneinander trennte. Es gab also zwei Wohnungen im Parterre und zwei im oberen Geschoss. Wir wohnten im Haus mit der Nummer 21, und zwar rechts oben von der Straße aus gesehen. Direkt unter uns im Erdgeschoss wohnte Alexanders Familie.
Alexander hatte einen älteren Bruder, Andreas, und eine jüngere Schwester, Vera. Die beiden sagten immer „Alex“ zu ihm und so nannte ich ihn schließlich auch. Ich hatte lediglich einen Bruder, Ralf. Er war etwas mehr als drei Jahre älter als ich.
Eines Nachmittags bekamen meine Eltern Besuch. Einige ihrer Bekannten kamen und alle setzten sich im Wohnzimmer zusammen. Herr und Frau Theis kamen auch. Sie brachten Alex mit, damit wir zusammen spielen konnten. Alex hatte, genau wie ich, bereits seinen Schlafanzug an.
Die Erwachsenen setzten sich ins Wohnzimmer, während ich Alex meine Spielsachen zeigte. Ich besaß eines dieser Kunststoff-Parkhäuser für Matchbox-Autos. Meinem Bruder gehörte eine entsprechende Rennbahn für diese Autos. Sie bestand aus langen, gelben Schienen aus Weichplastik, die unterseitig mit roten Verbindungsplatten zusammengesteckt wurden. Diese Schienen waren einspurig und wannenförmig, damit die Autos nicht aus der Bahn fliegen konnten. Mein Bruder hatte sein eigenes Zimmer, und für gewöhnlich hatte ich dort nichts zu suchen. Auch seine Spielsachen waren für mich eigentlich tabu, doch da Ralf und ich erst am Vortag zusammen mit der Rennbahn gespielt hatten und er sie in meinem Zimmer liegen gelassen hatte, befand sie sich sozusagen leihweise in meinem Besitz. Alex und ich spielten eine Weile damit, danach stand uns der Sinn nach etwas aufregenderem. Alex hob eine der gelben Schienen auf.
„Ist doch ein prima Schwert. Guck mal.“
Er schwang die Schiene über seinem Kopf und stach dann vor seinem Bauch einige Löcher in die Luft.
„Au ja!“ rief ich und griff ebenfalls nach einer Schiene. Ich wiederholte die Bewegungen, die Alex machte, stach meine Luftlöcher aber herausfordernd in seine Richtung. Augenblicklich richtete Alex seine Schiene auf mich. Langsam kreuzten wir unsere „Schwerter“ und nachdem sie sich kurz berührten, schlugen wir abwechselnd von links und von rechts unsere Schienen gegeneinander. So tobten wir durchs Zimmer, sprangen aufs Bett, auf den Stuhl und johlten dabei vor Begeisterung.
Plötzlich sprang die Tür auf und meine Mutter stand im Türrahmen.
„Thomas! Alexander! Seid bitte etwas leiser! Und tobt nicht auf den Möbeln rum! Thomas, hör auf zu grinsen! – Thomas! – Thomas hör auf, oder Alexander muss wieder nach Hause gehen!“
Damit schloss sich die Tür. Ich weiß auch nicht, warum ich meiner Mutter so oft ins Gesicht lachte, wenn sie mit mir schimpfte. In diesem Moment war es aber eine gute Möglichkeit, vor Alex mein Gesicht zu wahren.
Da saßen wir nun. An Fechten war nicht mehr zu denken. Frau Theis hätte Alex bestimmt nach unten gebracht. Es ärgerte uns, so eingeschränkt zu werden. Schließlich stand ich auf, fasste meine Schiene ganz unten an und hielt sie senkrecht vor meinen Körper. Dann begann ich zu hüpfen, ganz leicht nur, so dass es kein Geräusch gab, das man im Wohnzimmer hören konnte. Alex machte es mir nach und mit der Zeit hüpften wir so heftig, dass unsere Schlafanzughosen beinahe gleichzeitig herunter rutschten.
Nachdem wir uns darüber kaputt gelacht hatten, wagten wir einen gefährlichen Schritt. Wir ließen unsere Hosen unten. Unsere Oberteile waren so kurz, dass man unsere entblößten Unterleiber mit den kleinen Piepmätzen deutlich sehen konnte. Genau so öffneten wir die Zimmertür und traten hinaus in den Flur. Die Wohnzimmertür war nach rechts hin nur zweieinhalb Meter entfernt und stand weit offen. Wir konnten die Stimmen der Erwachsenen nun laut und deutlich hören. Wir hielten unsere Schienen wieder senkrecht vor uns und machten, bedingt durch die herunter gelassenen Hosen, kleine Trippelschritte vorwärts. Dabei federten wir bei jedem Schritt leicht in den Knien und machten mit hohen Stimmen: „Düpp-düpp-düpp-düpp-düpp...“, und zwar kontinuierlich im Takt unserer Trippelschritte, während wir uns langsam auf die Wohnzimmertür zubewegten.
Kurz vor der Wohnzimmertür hielten wir inne. Keiner von uns traute sich so richtig, die Idee zu vollenden. Mit Kopfnicken forderten wir uns gegenseitig auf vor die Tür zu treten. Schließlich nahm ich all meinen Mut zusammen, hielt meine Schiene korrekt senkrecht, nahm mein „Düpp-düpp-düpp...“ wieder auf und trippelte vorwärts. So erschien ich in der Wohnzimmertür.
Meine Mutter saß auf dem Sessel am anderen Ende des Zimmers. Ich sah nur ihr überraschtes Gesicht, sah wie sie aufsprang und ahnte nichts Gutes. Ich machte augenblicklich kehrt, aber die heruntergelassene Hose hemmte meinen Lauf. Während ich eilig in Richtung Kinderzimmer trippelte, lauschte ich auf die Schritte meiner Mutter hinter mir, die mich bald einholen musste. Doch ich hörte nur das schallende Gelächter der Erwachsenen, vor denen ich mich nun vorzüglich als Possenreißer vorgestellt hatte. Alex hatte bereits den Rückzug angetreten, als ich in die Wohnzimmertür trat. Ich sah ihn vor mir, wie er ebenfalls mit heruntergelassener Hose zur Kinderzimmertür strebte. Schon hatte er sie erreicht und verschwand im Zimmer, bevor das Blickfeld meiner aus dem Wohnzimmer stürmenden Mutter ihn erfassen konnte. Ich strengte mich an, den Mund verzerrt, die Augen weit aufgerissen als wäre der leibhaftige Teufel hinter mir her. Diese verfluchte Hose, aber sie hoch zu ziehen war ausgeschlossen, das hätte zu viel Zeit gekostet. Endlich erreichte ich mein Zimmer. Ich sah wie Alex sich blitzschnell die Hose hoch zog und sich aufs Bett setzte. Da war er natürlich fein raus, als er dort mit scheinheiligem Blick saß. Ich wollte mich bücken, um meine Hose ebenfalls hoch zu ziehen, da spürte ich den Griff im Genick. Kurz darauf bekam ich von meiner Mutter ordentlich ein paar hinten drauf. Dann begann sie zu schimpfen. Oh, wie sie polterte! Während ich mich wimmernd in mein Bett legte, hieß sie mich, auch dort zu bleiben. Sie nahm Alex mit ins Wohnzimmer.
Das war’s, was mich wirklich traf: Alex war hier oben, im Wohnzimmer, und ich musste im Bett bleiben und durfte nicht mehr mit ihm spielen. Ja, ärger noch, in den Augen der Erwachsenen stand er unschuldig da, während ich alleine als Missetäter angesehen wurde. Nun war meine Mutter aber ein äußerst gutherziger Mensch, auch wenn sie im ersten Moment immer in Rage geriet. Es dauerte nicht lange und sie erlaubte Alex, wieder in mein Zimmer zu kommen.
Für den Rest des späten Nachmittags, bis zum Sandmännchen, spielten wir dann doch lieber mit unseren Matchbox-Autos.
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