Literatuä - Der Alex und ich - Kapitel 1  

Literatuä:

Der Alex und ich

Bauherren

Mythos Katze

Weihnachtsbotschaft

Ein wenig Shakespeare?

Ein Englishman in der Eifel

Buchtipps

Komik:

Hiesige Bauplanung

Witze über Ingenieure

Schwarzenborn

Zu den Lavatorien

Türschilder

Astroblödsinn

Karikaturen

Ein Lied

Frühere Werke

Krissmesteim

Sülzterror

Leicester Square:

Spitznotiz

Sprüche

Leicester-Square Archiv

Denglisch:

Die Schmähschrift

Härtefälle

Denglisch im Fernsehen

Germanisms

Ein Englishman in der Eifel

Fragen an Tom

 

Film und Fernsehen:

Zuletzt gesehen

Kino-Ranglisten

Lieblingsfilme

 

Von mir über mich:

Wer ist der Querulant?

Retrospektive

Tom im Gewebe

Abspecktagebuch

 

     

     

     

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

.         

.         

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Übersicht

 

 

 

Episode 2

 

                                       

 

Der Alex und ich – Die weltbesten Luftzischenlasser

Episode 1: Wie die Geschichte ihren Anfang nahm

„Mama! – Mama!“ schrie ich und wälzte mich in meinem Bett. „Mamaaa!“

Das Schlafzimmer meiner Eltern lag auf der anderen Seite des Flurs, meinem Kinderzimmer schräg gegenüber. Es musste wohl so drei Uhr morgens gewesen sein. Meine Mutter kannte den Ablauf dieses Ereignisses, das fast jede Nacht eintrat, und geriet deshalb nicht mehr in Aufregung.

„Was denn?“ murmelte sie verschlafen.

„Kann ich kommen?“

„Ja, komm.“

Noch vor dem „komm“ hörte man das hochfrequente Poltern von Kinderfüßen, die den dazu gehörenden Körper mit hoher Geschwindigkeit durch die Wohnung trugen, und für jemanden im Schlafzimmer wurde dieses Poltern immer lauter. Das Crescendo endete diesmal allerdings mit einem Paukenschlag, denn um das Bett meiner Eltern zu erreichen, musste ich in der Schlafzimmertür eine harte Linkskurve nehmen. Für die war ich heute Nacht viel zu schnell. Ich strauchelte und fiel mit donnerndem Getöse gegen die Tür, wohinter zu allem Überfluss die leere Wäschewanne stand, die den Lärm um ein Vielfaches verstärkte.

Jetzt waren wenigstens alle wach. Mein Vater brummte ärgerlich etwas vor sich hin und meine Mutter sagte resigniert: „Ach, Thomas. – Komm, leg‘ dich hier hin und sei still.“ Sie deutete dabei auf die Besucher-Ritze, jene Linie im Ehebett, an der die beiden Matratzen zusammenstießen. Dort fühlte ich mich wieder sicher, denn eines wusste ich genau: Die Gespenster, die mich stets um diese Zeit heimsuchten, trauten sich nicht ins Schlafzimmer. Sie fürchteten meine Eltern und würden mich deshalb bis zum Morgengrauen in Ruhe lassen.

Es war das Jahr 1974, ich war vier Jahre alt. Ich hatte sehr helle blonde Haare und blaue Augen, in denen man den Schalk zu jeder Zeit erkennen konnte. Meine Oma väterlicherseits pflegte zu sagen: „Wenn du den siehst, kannst du ihm immer einen hinter die Ohren geben. Entweder geht er was anstellen oder er kommt vom Was-anstellen.“ Das war wahr. Ich liebte es, dumme Faxen zu machen und meinen Mitmenschen Streiche zu spielen. Doch andererseits konnte man mich auch leicht einschüchtern. Wenn mir etwas nicht passte oder wenn ich vor etwas Angst hatte, fing ich schnell an zu weinen und wurde zum bravsten Jungen der Welt. Deshalb wurde ich von den meisten Leuten für ein weinerliches Bübchen gehalten, zumal meine magere Statur diesen Eindruck unterstrich.

Es gab zwei Dinge, vor denen ich große Angst hatte: Gewitter und die oben bereits erwähnten Gespenster. Nun möchte man glauben, dass Gespenster einem so durchtriebenen Jungen keine Angst machen könnten, aber meine Geister waren keine putzigen Bettlaken-Gespenster. Sie waren meiner lebhaften Phantasie entsprungen und äußerst heimtückisch. Das Gute war, dass sie bei Kontakt mit Licht sofort zerfielen und sich erst wieder formieren konnten, wenn das Licht aus war. Aus diesem Grund bestand ich beim Schlafengehen darauf, dass meine Tür offen und das Flurlicht eingeschaltet blieb. Außerdem durfte ich abends auf keinen Fall die Namen der Gespenster aussprechen, denn sonst würden sie mich in der Nacht auf jeden Fall aufsuchen – was nicht bedeutete, dass sie nicht auch unaufgefordert erscheinen würden. Sie waren eben heimtückisch. Sie erschienen mir meistens im Traum, aber oft sah ich sie auch im vermeintlich wachen Zustand nachts in meinem Zimmer. Dann erschrak ich, schrie wie am Spieß und flüchtete zu meinen Eltern.

Genau das war eben geschehen. Nun lag ich im Bett meiner Eltern. Hier konnten mir die Gespenster nichts mehr anhaben. Rechts von mir lag ein Schutzwall, der von meiner Mutter gebildet wurde, links hielt mein Vater als mächtige Trutzburg jeden Aggressor zurück. Für den Rest der Nacht brauchte ich mir keine Sorgen mehr zu machen und so hatte ich wieder Zeit, über erfreulichere Dinge nachzudenken. Ich dachte an verschiedene lustige Gesichter, die ich malen würde, wenn es wieder Tag wäre. Ich gluckste beim Gedanken daran. Der Schelm in mir gewann wieder die Oberhand über den Hasenfuß. Ich musste daran denken, dass meine Mutter immer sagte, ich würde „kickeln“, wenn ich so lachte. So ein lustiges Wort. Ich kicherte bereits etwas lauter. Meine Mutter, die mit dem Rücken zu mir lag, drehte ihren Kopf in meine Richtung, so dass sie senkrecht nach oben schaute und sagte: „Thomas, hör auf zu kickeln!“

Da war es wieder: Kickeln! Ich kicherte so laut, dass es jeden stören musste, der in den nächsten drei Stunden noch etwas Schlaf finden wollte. Meine Mutter wurde ärgerlich. „Thomas hör auf! Oder du gehst zurück in dein Bett!“ – Das wirkte eine Weile, aber schon nach kurzer Zeit begann ich wieder zu kichern. So verlief der Rest der Nacht, ohne dass meine Mutter noch mal einschlafen konnte.

Am Frühstückstisch war ich der einzige, der gut gelaunt war. Meine Mutter ließ mich merken, dass sie mir grollte. Als ich mein Nutella-Brot gegessen hatte, schickte sie mich ins Badezimmer. Ich konnte schon alleine aufs Klo gehen, denn meine Eltern hatten für mich eine Zusatzbrille besorgt. Diese wurde auf die normale Brille gelegt, so dass das Loch kleiner wurde und ich nicht durchfallen konnte. Die Öffnung war allerdings noch so groß, dass ich zwischen meinen Beinen hindurch in die Muschel sehen konnte. Wir hatten ein Flachspül-Klosett und der Abfluss befand sich weit vorne. Ich grinste, fasste mit der rechten Hand meinen Piepmatz und zielte beim Wasserlassen genau in den Abfluss. Das Gluckern und Plätschern, das daraus resultierte, war in der ganzen Wohnung zu hören und ergötzte mich unbeschreiblich. Meine arme Mutter verlor die Geduld. Sie nahm meine Wäsche nun selbst in die Hand. Sie putzte mir die Zähne und zog mich an. Dann dauerte es nicht lange und wir gingen los zum „Spar“-Geschäft am Ende der Straße.

Wir wohnten in einer Reihenhaus-Siedlung am westlichen Ende von Gerolstein, „Am Rasbach“ genannt. Hier wohnten vornehmlich Soldaten, die in der nahe gelegenen Kaserne dienten, mit ihren Familien. Mein Vater war zwar kein Soldat, aber er arbeitete als Verwaltungsangestellter bei der Bundeswehr. Die Straße war 250 Meter lang und fast eben. Am unteren Ende, wo wir wohnten, war ein Wendeplatz. Am oberen Ende, wo sie in die „Lissinger Straße“ einmündete, befand sich ein Lebensmittelgeschäft der „Spar“-Kette. Dort warteten schon andere Mütter mit ihren Kindern auf den Bus, der uns Kinder zum Kindergarten brachte.

Den Kindergarten betrachtete ich immer mit gemischten Gefühlen. Einerseits gefiel es mir dort, denn es gab jede Menge Spielsachen und es wurde viel gemalt und gebastelt – beides Tätigkeiten, die mir viel Spaß machten und in denen ich sehr geschickt war. Andererseits störte mich am Kindergarten aber die Tatsache, dass dort jede Woche ein anderes Kind auf den Boden kotzte. Danach war ich jedes Mal selber krank vor Ekel.

An diesem Tag hatte ich mir, nachdem ich verschiedene Spiele gespielt hatte, ein Spielzeug vorgenommen, dessen Namen ich bis heute nicht kenne. Es bestand aus einer Korkplatte, die in einem Holzrahmen saß. Dazu gehörten einige bunt gefärbte Holztäfelchen, die in der Mitte jeweils ein kleines Loch aufwiesen. Diese konnte man mit einem Holzhämmerchen und kleinen Nägelchen auf der Korkplatte befestigen und auf diese Weise ein Bild zusammenstellen. Ich setzte mich damit an einen Tisch und begann die ersten Täfelchen auf die Korkplatte zu hämmern.

Es dauerte nicht lange, und eine Gruppe von Kindern gesellte sich zu mir, darunter ein Mädchen namens Svenja und ein Junge namens Alexander. Sie alle sahen mir zu, wie ich Täfelchen für Täfelchen nebeneinander zimmerte. Als ich ein Täfelchen gerade festnageln wollte, griff Svenja danach und sagte: „Pass mal auf, ich zeig‘ dir was!“ Noch ehe ich etwas erwidern konnte, drückte sie das Nägelchen mit dem Daumen in die Korkplatte. Nicht, dass ich für die Hilfe undankbar war, aber das Täfelchen befand sich nun an der falschen Stelle. Außerdem machte Svenja Anstalten, das Spiel ganz zu übernehmen. Alexander bemerkte, dass mir etwas nicht passte. 

„Thomas, jetzt knatsch nicht!“ ermahnte er mich, „sie drückt es dir nur rein!“

„Ich knatsch ja gar nicht!“ gab ich zurück, „aber ich ...“

„Ach, ist doch egal! Komm, wir spielen was anderes.“

„Na gut.“ Ich überließ Svenja das Hämmerchen-Täfelchen-Nägelchen-Spiel und spielte mit Alexander.

Alexander und ich wurden die dicksten Freunde. Wir hatten beide viel Unsinn im Kopf und auch ansonsten die gleichen Interessen. Manch bösen Schabernack haben wir zusammen ausgeheckt, so dass wir bei den Müttern in der Nachbarschaft nicht allzu beliebt waren. Wenn wir andere Kinder aufforderten, sich uns anzuschließen, riefen viele uns schon von Weitem zu: „Meine Mutter hat gesagt ich darf nicht mit euch spielen!“ und verschwanden in der Haustür. In solchen Fällen blickten wir uns kurz an, zuckten mit den Achseln und schoben zu zweit los.

Wir schoben fast immer zu zweit los.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Übersicht

 

 

 

Episode 2